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In Duisburg gastierte das Staatsschauspiel Dresden mit dem ausgezeichnet guten „Bandscheibenvorfall“ von Ingrid Lausund. So oder so ähnlich wird es in nicht wenigen deutschen Büros aussehen, wenn es um die eigene Karriere und den Kampf um die Gunst des Chefs geht. Das Stück wird explizit als Abend für Handlungsschäden bezeichnet. Die Uraufführung war 2002. Die Veränderungen der Arbeitswelt und der Zeitkultur in 20 Jahren hat man szenisch angepasst. Trotzdem ist es oft immer noch Tristess, eine abstrakte Arbeitswelt, manchmal sogar die Vorhölle ins Jenseits. Hier sitzen fünf Angestellte im Vorzimmer des Chefs, der nie sichtbar in Erscheinung tritt. Seine unsichtbare Präsenz erfordert regelmäßig diverse Audienzen da oben hinter der Tür, im gleißenden Licht einer unbarmherzigen, selbsternannten Lichtgestalt. Die Fünf kommen stets verunstaltet und zerrupft zurück, als Clown, mit Maulsperre, als Päckchen zusammengefaltet, um Jahre gealtert, mit eingelaufenen Klamotten, mit heruntergelassener Hose oder einem Messer im Rücken. Er macht sie früher oder später alle zur Schnecke. Oberflächliche Klischeebegriffe machen die Runde. Der Chef hat natürlich „immer ein offenes Ohr für die Belegschaft“ und seine „Tür steht für die Mitarbeiter immer offen“. Wie oft bekommt man das in Betrieben zu hören. Befindet er sich im Homeoffice oder ist er als Vertriebler wochenlang auf Dienstreise in Asien, so bröckelt die interne Kommunikation ziemlich schnell, das interne Gefüge bricht zusammen. Dabei geht alles so positiv los. Sie stellen sich erst einmal vor. Kristensen (Friederike Ott) ist die absolute Teamplayerin, die mit keinem anecken möchte und alle Probleme zusammen besprechen will. Kretzky (Thomas Eisen) ist immer künstlich gut drauf und auf der Betriebsfeier der letzte. Er gibt gerne mal eine Runde Kaffee aus. Schmitt (Josephine Tancke) ist ein Alphatier, möchte Karriere machen und arbeitet Nächte durch. Sie beißt jeden weg. Dasselbe gilt für Hufschmidt (Paul Kutzner), der sogar vor körperlicher Gewalt nicht zurückschreckt. Er ist die kafkaeske Selbstoptimierung in Person. Bleibt noch Kruse (Torsten Ranft), eher scheinbar dümmlich. Er will keinen Ärger, ist angepasst, eine Karriere aber ausgeschlossen. Es sind herrlich staubtrockene Dialoge und beste Unterhaltung, die Regisseur Philipp Lux da auf die Bühne bringt. Moderne Arbeitssituationen sind nicht selten ihre eigenen Karikaturen. Trübsal trifft auf Pop-Elemente. Anklänge an René Margerite als Himmel oder Apfel findet man im Bühnenbild. Ein Kaffeeautomat ersetzt die Kantine, eine Art surreale Kommunikationsmaschine. Es fallen englische Managerbegriffe als Kastenkommunikation. Posen und Gesten werden zuhause vor dem Spiegel geübt. Körpersprache und gespielte Kompetenz sind entscheidend. Wer hat die dicksten Eier? Wer hat die besten Strategien den Chef von sich zu überzeugen? Dabei wird Teamgeist oft nur künstlich vorgegeben. Das „Wir“ wird in diesem Stück lange nicht sichtbar. Wer weiß was? Neuigkeiten sind wichtig für die eigene Machtdemonstration und Position innerhalb der Abteilung. So feiert Kruse sein Abgeschnittensein als Erfolg für sein Durchhalten in misslicher Lage. Angst, den geforderten Aufgaben nicht gewachsen zu sein, ist bei allen ein Thema. Wer aber darf das Projekt leiten und wer darf wen zu sich in sein Büro bitten, um sein Konzept zu besprechen? Wer ist zum Essen beim Chef eingeladen und wer nicht? So ein Büro kann viele Stolperfallen parat haben. Der Zickenkrieg um Einfluss, das sich bücken und schleimen für die Gunst des Chefs, ist sehr vergnüglich zu erleben. Der Versuch miteinander zu sprechen scheitert oder endet in Affenlauten. Wer ist Schaf und wer Wolf. Beide haben tatsächlich viele Gemeinsamkeiten, jedoch ein unterschiedliches Mindset. Lässt sich dieses beim Menschen verändern? Ein falsches Ich als Fassade für eine berufliche Karriere hält nicht ewig. Wie oft hat man gelogen oder gelacht? Der Entschluss „Wir gehen“ ist allerdings auch nicht so einfach. „Ich kann nicht mehr.“ Die Sehnsucht nach einem Neuanfang und einer geraden Wirbelsäule ist bei allen am Ende groß. Ein letzter Kaffee to go besiegelt die ehemalige Vorzimmerbelegschaft. Der Abend ist ein wilder Ritt, eine klasse Realsatire mit großen, schauspielerischen Leistungen, toller Mimik, insgesamt ganz großes Theater. Solo-Songs wie „Walk on the wild side“ oder „Simply the best“ würzen die Handlung, wie auch das sehr passendes Bühnenbild. Datum: 14. März 2026 www.theater-duisburg.de |
Schauspiel 'Bandscheibenvorfall' vom Staatsschauspiel Dresden im Schauspiel Duisburg, Foto: Sebstian Hoppe![]() nächstes Foto |
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