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Ruhrpott und Niederlande im fruchtbaren Austausch in Gelderland
Wie Niederländer die Industrie im Ruhrpott etablierten und umgekehrt der Kunsteifer in den Niederlanden vom Ruhrpott ausging, das war auf einer schönen Pressereise ins niederländische Gelderland zu erleben.

Es geschah in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als die Familie Krupp, die sich damals noch „Kruipe“ nannte, als Glaubensflüchtlinge die Niederlande verließen und in Essen eine neue Heimat fanden. Hier war sie im Kolonialhandel aktiv, bevor sie zum Stahlmagnat aufstieg. Aber auch ein umgekehrter Weg von Essen in die Niederlande erwies sich als effektvoll. In der heute zu Essen gehörenden Gemeinde Horst wurde 1869 Helene Müller geboren. Ihr Vater war der deutsche Stahlindustrielle und Kaufmann Wilhelm Müller. Er leitete das Schifffahrts- und Handelsunternehmen „W. Müller & Co.“. Da ein Großteil des Erz- und Steinkohleexports über die Niederlande abgewickelt wurde, bestand in Rotterdam eine Außenstelle. Der Sohn des Leiters war Anton Kröller, den Helene Müller bei seinem Einsteig in das Unternehmen kennenlernte und 1888 ehelichte. Nach dem plötzlichen Ableben von Helenes Vater Wilhelm im Jahr 1889 übernahm ihr Ehemann Anton im Alter von erst 27 Jahren die nunmehr nach Rotterdam verlegte Leitung des Unternehmens. Um 1900 verzog das Paar von Rotterdam nach Den Haag. Um 1916 wurde das nahebei gelegene Landgut Groot Haesebroek in Wassenaar neuer Wohnsitz. Anton Kröller erwies sich als talentierter Unternehmer zu einer Zeit günstiger Konjunktur. Er leitete geschickt eine rapide Wachstumsphase der kaufmännischen Unternehmungen auf den Feldern des Erztransports und Versandhandels, der Logistik oder des Minenbaus ein. Dadurch häufte das Paar ein immenses Vermögen an. Dies ermöglichte Helene Müller, die zeitweise als eine der reichsten Frauen der Niederlande galt, sich ihrer großen Leidenschaft, der Kunst, zu widmen. Ab 1907 trug sie, beraten von dem Kunstpädagogen Hendricus Petrus Bremmer, bis 1939 eine visionäre Kunstsammlung von fast 11.500 Werken zusammen. zusammen. Im Zentrum ihrer Wertschätzung stand Vincent van Gogh. Insgesamt 275 Werke konnte sie von ihm erwerben. Dazu gehören über 180 Zeichnungen und fast 90 Gemälde, darunter so ikonische Bilder wie die „Sonnenblumen“, „Die Säer“ oder „Die Trösterin“. Hinzu kamen Arbeiten bedeutender weiterer Künstler, allen voran Paul Signac, Georges-Pierre Seurat, Pablo Picasso, Georges Braques oder Piet Mondrian. Ab 1913 wurden sie zum Teil im Bürogebäude ihres Mannes in Den Haag sowie in ihrem Landhaus ausgestellt.

Im Zuge einer strikten Arbeitsteilung betrieben die Eheleute Anton und Helene Kröller-Müller jeweils ihr eigenes Hobby. Anton war der Natur zugewandt und liebte die Jagd. So begann er ab 1909 in Etappen bis 1921, Ländereien in dem Naturgebiet „Veluwe“ nahe der deutschen Grenze in der Provinz Geldernland zu erwerben, ein Jagd- und Reitgebiet, welches letztendlich auf rund 7000 Hektar anwuchs. Es ist durchzogen von Kiefern- und Mischwäldern, Heideflächen, Sanddünen und Gewässern. In dem riesigen umzäunten Areal ließ er Wildschweine oder Rehe zur Jagd aussetzen ließ. Hier fanden die Interessen beider Ehepartner zu einer Symbiose zusammen. Sie manifestieren sich einmal in einem Jagdhaus, wo sich Anton nach Jagden mit Gästen treffen konnte und zum anderen in der Form eines Museums für Helenes Kunstsammlung.

Um 1915 erhielt Hendrik Petrus Berlage, seinerzeit der wohl berühmteste niederländische Architekt, den Auftrag zur Planung und Ausführung des Jagdhauses Sankt Hubertus. Die sehr eigensinnige, kritische und genaue Helene Müller überwarf sich jedoch mit dem Architekten 1919, so dass der berühmte belgische Architekt Henry van de Velde das Haus 1920 vollenden musste. Heute gehört das eigenwillige Haus zu den bedeutendsten Baudenkmälern der Niederlande. Auffälligster Bestandteil des vom englischen Country House inspirierten, auf dem V-förmigen Grundriss eines Geweihs errichteten Ziegelsteinbaus ist der steil aufragende Turm in der Mitte. Vom Turmzimmer in 35 Metern Höhe hat man einen hervorragenden Überblick über das Gelände. Der künstlich angelegte Spiegelweiher vor dem Haus verstärkt noch die imposante Erscheinung. Bei der Innenausstattung überwiegt die Übersetzung der Natur in geometrische Strukturen. Typisch für die Architektur Berlages ist die Sichtbarkeit der Konstruktion in der Form von offen liegenden Stahlträgern etwa in den Kassettendecken oder die Verwendung von glasierten Ziegeln oder grauen Backsteinen an den unverputzten Wänden, wie man es im der mystisch-dunklen Einganghalle, im Speisezimmer oder in der Bibliothek vorfindet. Auch die Inneneinrichtung mitsamt Möbeln, elektrischen Beleuchtungskörpern bis hin zu Gemälderahmen entwarf Berlage. Hinzu kam eine moderne technische Ausstattung mit Zentralheizung oder Aufzug. Die Familie Kröller-Müller bezog 1935 das Jagdhaus als ständigen festen Wohnsitz. Heute dient es der Regierung als Gästehaus für Staatsbesuche oder Konsultation.

Im Jahre 1919 bat Helene Müller den Architekten van de Velde, am Fuße eines Hügels in der Veluwe einen Museumsbau zu planen. Zwar wurde im Juni 1921 mit dem Bau begonnen, doch aufgrund der weltweiten Wirtschaftskrise gerieten die Unternehmungen von „W. Müller & Co“ in schwieriges Fahrwasser, so dass Kunstankäufe und der Neubau des so genannten „Großen Museums“ gestoppt werden mussten. Um im Fall erneuter Krisen besser gewappnet zu sein, wurden Landgut und Kunstkollektion in eine Stiftung eingebracht. Sieben Jahre später übertrug Helene Müller ihre Kunstsammlung dem niederländischen Staat. In Erwartung der Ausführung des „Großen Museums“ entwarf van de Velde Pläne für einen bis 1938 ausgeführten „Übergangsbau“, der am 13. Juli 1938 als „Reichsmuseum Kröller-Müller“ eröffnet wurde. Das große Museum wurde nie gebaut. Helene Müller, die als erste Museumsdirektorin amtierte, verstarb erst 69jährig im Jahre 1939, ihr Gatte zwei Jahre später. In den 1950er und 1970er Jahren wurde der Altbau, heute Kern des Museums, zwei Mal erweitert. Bis heute wächst die Kunstsammlung weiter, ergänzt um einen Skulpturengarten ringsum als Kernbereich des weitläufigen Landschaftsparks. Alles, was Rang und Namen in der weltweiten Skulptur besitzt, ist hier vertreten. Schon vor dem Eingang begegnet man der ausgreifenden, strahlend rot gefärbten Stahlplastik „K-Piece“ aus dem Jahre 1972 von Mark Di Suvero. Hinter dem Haus stehen „56 Barrels“ von Christo, welche an seine „Ölfässer-Installation“ „The Wall“ im Oberhausener Gasometer im Jahre 1999 erinnern. Auf einem nahen Teich schwimmt ein von Jean Arp organisch geformter künstlicher Schwan mit dem Titel „Berger de nuages“. Mit bereit gestellten Fahrrädern kann man auf ausgebauten Wegen die weite Naturlandschaft durchkreuzen und dabei weitere, kongenial in die Natur eingebundene Skulpturen entdecken, so etwa zwei Stelen aus Dolomit vom deutschen Bildhauer Ulrich Rückriem oder „Drei aufrecht stehende Motive“ von Henry Moore. Erstmals seit 1984 werden im Museum alle 88 Gemälde von Vincent van Gogh in einer außergewöhnlichen Ausstellung unter dem Titel „Van Gogh – All Our Paintings“ ab dem 15. September 2026 gezeigt werden. Damit ist die zweitgrößte Van-Gogh-Sammlung weltweit wieder in der ganzen Bandbreite erlebbar.

Text und Fotos: Hans-Peter Schwanke

Datum: 2. Juni 2026

hogeveluwe.nl (Jagdhaus Sankt Hubertus)
krollermuller.nl

Ruhrpott und Niederlande im fruchtbaren Austausch in Gelderland, Jagdhaus Sankt Hubertus, Foto: Hans-Peter Schwanke

Ruhrpott und Niederlande im fruchtbaren Austausch in Gelderland

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