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Das Schauspiel Duisburg präsentiert das hervorragende Schauspiel „Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben“ von Didier Eribon, ein Gastspiel des Hessischen Landestheater Marburg. Das Thema dreht sich um Demenz, die angespannte Pflegesituation, gesellschaftliche Prägung und politische Aspekte. Die Fakten werden hart, ehrlich und realistisch dargeboten. Regie führte Sandra Strunz. Alles beginnt mit dem Buchautor Didier Eibon, dem Erzähler des Abends. In der Mitte steht seine alte Mutter. Sie wirkt nicht nur verwirrt, sie ist es auch, wie so viele in Deutschland. Sohn (Christian Simon) und Mutter (Saskia Boden-Dilling) bilden eine schicksalhafte Gemeinschaft. Man ist eben familiär miteinander verbunden, gezwungenermaßen. Seine Mutter kommt aus einfachen Verhältnissen, hatte nie viel Geld, lebte immer in Sozialwohnungen. Mit 14 Jahren ging sie schon putzen, 15 Jahre lang arbeitete sie in einer Fabrik, wollte aber eigentlich Rennfahrerin werden. Ihr Leben war nie einfach, immer ein Kampf. Es war eine schlechte Ehe, er ging fremd. Sie hatte Angst vor ihren Mann und der Scheidung, vor dem sozialen Elend, bis er starb. Vor Jahren hatte sie sich mal in einen verheirateten Mann verliebt, doch der hat sich wegen ihrer Demenz wieder von ihr getrennt, mit Liebeskummer und Einsamkeit als Folgeerscheinung. Ihr Lebenswille war gebrochen. Alter und Gebrechlichkeit sind Fesseln, ein Gefängnis. Ihr Sohn hingegen hat es beruflich geschafft, ist aufgestiegen. Zuletzt fand er seine Mutter zuhause nackt am Boden. Sie konnte die Wohnungstür nicht mehr öffnen. Die Feuerwehr musste kommen. Es gab keinen anderen Weg mehr, als das Pflegeheim. Wie vermittelt man einer alten Person die Wahrheit? Er muss die Wahrheit ganz sanft wiedergeben. Mutter, du kommst nicht mehr alleine klar, du brauchst Hilfe. Für sie ist ein Heim ein Kindergarten für Alte, mit Pseudo-Aktivitäten als Beschäftigung. Obwohl alle Bewohner individuelle Persönlichkeiten sind, unterliegen sie einer gewissen Gleichschaltung. Man sieht sich beim Sterben zu. „Da stinkt es nach Pisse“, so ihr Urteil. Aus Rebellion wird schnell ein Aufgeben. Zeit wird zu Zeitlosigkeit und es bleiben nur noch Erinnerungen, das Warten auf den Tod. Im Heim taumelt sie noch kurz durch süße Träume von Paris. Nur ein paar Wochen hält sie es hier aus. Dann wählt sie den unbewussten Suizid, verweigert Essen und Trinken und stirbt. In ihrem letzten Kampf hatte sie nie keine Chance. Ihr Sohn konnte sie noch zweimal im Seniorenheim besuchen. Auch für ihn ist es keine schöne Zeit. Er bekommt Klage-Mails von ihr aus dem Heim. Von gewaltsamem Vorgehen des Pflegepersonals ist die Rede, würdeloser Behandlung. Der Mangel an Pflegepersonal führt intern zu Arbeitsüberlastung und Wut. Sie sperren ihre Mutter sogar in ein umgittertes Bett. Einmal die Woche darf sie zum Duschen, eine strukturelle Misshandlung, die in der Realität nicht selten vorkommt. Verlassenheit und Enttäuschung machen sich breit. Er weiß nicht, wie er mit ihren Schilderungen umgehen soll. Sind es ihre Halluzinationen oder behandelt man sie wirklich so unmenschlich? Notwendige Aufenthalte im Krankenhaus enden schnell. Es gibt keine freien Betten, unfreundliches und überlastetes Personal. Das Stück hinterfragt nicht nur die Ethik des Alters, sondern auch Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen, bei der Pflege, in Kliniken und bei ärztlichen Notwendigkeiten. Ein weiterer Punkt wird ebenso eingeflochten, der politische Rechtsruck in Deutschland. Eigentlich ist die Mutter eine typische Wählerin des linken Flügels. Demokratische Politiker vermitteln allerdings oft kaum mehr Fachkompetenz und Zuversicht als z.B. die völlig inkompetenten Vertreter der AfD oder der FN in Frankreich. Sozial, das war einmal. Sie hat die letzten Jahre ihres Lebens den Denkzettel gewählt und ist ins rechte Lager gewandert. Es ist sehr schwierig für den Sohn hier besser zu schweigen, es versuchen zu verstehen. Der aktueller Bezug ist deutlich. Die Arbeiterschaft stirbt in Deutschland aus. Logistik, das Sicherheitswesen, die Kurier- und Paketbranche bieten häufig oft prekäre Jobs, ein leider mögliches Wählerspektrum rechter Parteien. Begleitet wird der Abend durch Chrystel Guillebeaud, die für französische Textabschnitte und Songs sowie die Tanzchoreo zuständig ist. Ihr Auftreten und ihre Bewegungen lassen das Innere, die Gedanken der Mutter, noch stärker hervortreten, noch intensiver erscheinen. Schauspielerisch ist besonders die Rolle der Mutter eine enorme Herausforderung. Wie spielt man eine demente, alte Dame? Saskia Boden-Dilling kommt da schon sehr nahe heran, verbal, aber auch körperlich und mimisch. Das macht sie klasse. Die beiden füllen ihre Rollen ebenso sehr gut aus. Der Abend ist eine hervorragende, szenische Rede zur elenden Lage der Nation, berührend, emotional und ergreifend. Nahezu jeder kennt schließlich fast jeder das Alterselend in der Familie oder im Freundeskreis. Es graut einem vor dem Moment, dass man selbst betroffen sein könnte. Das Stück packt einen an. Sehr nachdenklich verließ man das Theater. Datum: 18. Mai 2026 www.theater-duisburg.de www.hltm.de |
Schauspiel 'Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben' als Gastspiel des Hessischen Landestheater Marburg im Schauspiel Duisburg, Foto: Jan Bosch![]() nächstes Foto |
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