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Schauspiel 'Welt überfüllt' im Theater Oberhausen
Mit dem Stück „Welt überfüllt“ präsentiert das Theater Oberhausen eine sehr sehenswerte Uraufführung der Autorin Anna Gmeyner. Es handelt von den kleinen Leuten und ihren Problemen in den 1920er Jahren, eine Mischung aus einem Krimi und einem gesellschaftlichen Drama. Es ist ein tolles Stück, sehr gut inszeniert von Thomas Ladwig.

Anna Gmeyner stammt aus einer jüdisch-bürgerlichen Familie. Schon als Kind träumte sie davon, Stoffe fürs Theater zu schreiben. Als es in Deutschland politisch schwierig wurde, war sie bereits in Paris, emigrierte später nach Großbritannien. Nach ihrem Tod 1991 in New York fand man diesen wohl verfassten Theaterstoff in ihrem Nachlass. Erst seit gut einem Jahr wird er von einem Verlag angeboten.

Inflation, Arbeitslosigkeit, kein Boden mehr unter den Füßen und eine wachsende Zahl von Kleinkriminellen, so waren die Zustände wirklich, abseits von vier goldenen Jahre in diesem Jahrzehnt. Die Geschichte spielt gegen Ende der 20er. Die wirtschaftlichen Verhältnisse werden immer schwieriger. Einzig das Überleben steht auf der täglichen To-Do-Liste. Morgen kann jeder arbeitslos sein, vom Vermieter auf die Straße gesetzt werden. Es gibt durchaus Parallelen zum Klassiker „Kleiner Mann, was nun“. Auch hier sind es die kleinen Leute, die das Kaleidoskop bilden, welches ein Panorama der damaligen Probleme bildet. Notfalls muss man sich ein Fahrrad klauen, um an einen Job zu kommen. Als studierter Kunsthistoriker hat man es besonders schwierig. Selbst als Bauarbeiter werden einem die Baustellen unter den Füßen weg gezogen. Der Traum vom Wohlstand oder einer Hochzeit ist dahin. Das Selbstwertgefühl leidet, denn was soll man einem Partner oder einer Partnerin schon bieten. Paul, sehr charismatisch dargestellt von Daniel Rothaug, nimmt die Moral nicht mehr so ernst. In seiner Rolle, zwischen einem Mafiosi und einem Zuhälter angesiedelt, geht er den Weg des Bad Boys, der die Strippen zieht, anderen scheinbar Hoffnung macht und selbst genau weiß, dass auch sein Dasein im kleinen Luxus ein Ende haben wird. Solange genießt er seine zwielichtige Rolle und die Macht, die er über andere hat.

Das Stück zeigt die verschiedenen Typen dieser Zeit, den jungen Kunsthistoriker, eine Geigerin, Verkäuferinnen in einem Krawattengeschäft oder den Typen vom Bau. Alle träumen von besseren Zeiten und wissen doch genau, dass das Morgen eher dunkelgrau als hellgrau aussehen wird. Soll man sich wirklich einem Kleinkriminellen in die Hände begeben und alles machen, für ein paar Mark? Darf man seinen Körper verkaufen? Wer noch Geld hat, der kann sich alles leisten, und doch wirken die selbst kleinen Machthaber bemitleidenswert. An einen Al Capone werden sie nie heranreichen. Als Ruhepol, Autorität und Mahnerin fungiert Simin Soraya sehr gut in der Rolle des Arztes Dr. Bach, wenn die Verzweiflung besonders groß ist.

Die Inszenierung besticht durch sehr gute schauspielerische Leistungen. Das neue Ensemble aus alten und neuen Akteuren hat Klasse. Eine besondere Rolle nimmt Franziska Roth ein. Nicht nur schauspielerisch zeigt sie Ansätze zu höherem Streben, sondern auch an der Violine. Sie zaubert die Melancholie der Zeit live auf Bühne. Ihre Töne fügen sich sich in den spannenden Soundtrack ein, ein Mix aus echten Instrumenten, verfremdet mit Pitch und Delay-Effekten. Die 20er erklingen, genauso wie das Bedrohliche und gesungen wird auch mal. Daniel Rothaug hat die Traumrolle des vermeintlichen Bösewichts erwischt, die er hervorragend auskostet. Auch Ronja Oppelt kann in ihrer Verzweiflung sehr emotional werden, aber auch wunderbar verzweifelnd wirken. Auch wenn die Texte fein formuliert und klar verfasst wurden, wirken sie hier und da unvermeidlich rau. Je mehr Alltagsstress, desto mehr existiert die Bereitschaft zur Gewalt, die allerdings nie ausartet. Weiterhin stehen Phillip Quest, Tim Weckenbrock, Torsten Bauer, Jens Schnarre, Khalil Aassy, Anke Fonferek und Regina Leenders sehenswert auf der Bühne. Kein Rollencharakter wirkt plump oder langweilig. Das Ende wirkt völlig offen. Es wird weder Hoffnung auf bessere Zeiten genährt, noch ziehen tiefdunkle Wolken auf. Lediglich der kriminalistische Strang im Stück findet sein ungewöhnliches Finale.

Ein großes Lob geht an Bühne und Kostüm von Franziska Isensee. Die Bühne stellt eine Baustelle auf einer Drehbühne dar, die auf wackeligen Füßen steht. So lässt es sich geschickt mit mehreren Ebenen und Blickwinkeln spielen. Die Kostüme sind hervorragend, stets sehr passend zu jeder Rollenfigur, ein schönes szenisches Bild einer besonderen Zeit.

Das Theater Oberhausen, um Intendantin Dr. Kathrin Mädler, hat es mit seinen beiden ersten Premieren geschafft, sich in kürzester Zeit wieder in der ersten Liga der Ruhrbühnen einzureihen. Man ist wieder da.

Datum: 5. Oktober 2022

theater-oberhausen.de