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Schauspiel 'Jeder Tag ein Vollmond' im Schauspielhaus Bochum
Mit dem Schauspiel „Jeder Tag ein Vollmond“ präsentiert das Schauspielhaus Bochum in seinen Kammerspielen ein ganz feines Stück, das man jeden Moment genießen sollte. Thema ist die Pandemie, die uns selbst heute noch zahlreiche Probleme beschert.

Gina Haller, der Schauspieler Risto Kübar und die Autorin Katja Brunner fanden im Frühjahr 2020 für ein Projekt zusammen. Man mochte sich so sehr, dass daraus mehr wurde und konzipierte ein eigenes Stück. Es geht um die Folgen von Corona und was diese mit uns machen. Dieses Psychogramm der menschlichen Seele beschäftigt sich mit Einsamkeit, der Sehnsucht nach Umarmungen und körperlicher Liebe, Berührungen und Distanz.

Das Stück ist in jeder Hinsicht sehr außergewöhnlich. Nur 15 Gäste befinden sich im Zuschauerraum, der wiederum mit auf die Bühne verlegt worden ist, ganz dicht dran am Geschehen. Man kann sich einen Hocker nehmen oder stehen, wie man es möchte. Auf die Bühne gelangt man backstage durch den inneren Bühneneingang. Auf diesen Fluren sind die Mitglieder des Ensembles und andere sonst dienstlich unterwegs. Man bekommt vor dem Betreten der Bühne einen Kopfhörer auf, der das Erlebnis dieses Stücks verstärkt. Schon die ersten Momente steigern die Spannung.

Umgeben von den Gästen befinden sich Gina Haller und Risto Kübar in einem goldenen Käfig aus Plexiglas, reichlich desorientiert, sich fragend und paralysiert. Wir kennen die Situation der Lockdowns noch zu gut. „Stay home“ hieß es immer wieder. Kontakte mussten vermieden werden, weil es keinen oder kaum Impfstoff gab. Man spürt die Sehnsucht nach körperlicher Zweisamkeit deutlich. Beide fordern sich gegenseitig auf, vom anderen mit dem gesamten Körper bedeckt zu werden. Man wünscht sich eine innige Umarmung, wie in einem Traum, der nicht wahr werden darf. Rollennamen gibt es keine. Gina denkt darüber nach, wie eine Leiche aus Pompeji die Seuche einfach liegend starr zu überdauern. Auch das ist nur ein schöner Traum, den sicher nicht wenige hatten.

Es ist ein sehr gelungenes Wechselspiel aus modernem Tanz und Dialogen, ein spannendes Hybrid. Jeder Moment ist genau austariert, was Atmen, Blicken, Sprechen, Pause machen und Bewegungen betrifft. Die Körpersprache und die Mimik sind extrem von Bedeutung. So nah dran erlebt man die Feinheiten der schauspielerischen Leistungen sonst selten. Es ist ein Wechselspiel zwischen dem Wunsch nach Berührung und realer Distanz. Eine Tür raus gibt es ebenfalls. Tritt einer der beiden hinaus, so ertönt sofort Vogelgezwitscher. Mit welch einfachen Mitteln kann man Menschen glückliche Momente bereiten. „Ist da jemand?“, hört man zwischendurch auch mal. Die Distanz lässt die Menschen vereinsamen. Grundbedürfnisse warten auf Erfüllung. „Ist das noch ein Leben?, fragt man in den Raum. Das parallele Bild eines eingepferchten Schweins in einem Transporter kommt hervor. Anderseits betont man die hohe Empathiefähigkeit der Ameisen. Können wir von ihnen lernen? Das Stück erinnert an verstorbene alte Menschen, an leere Straßen während des Lockdowns und an viele Stunden vor heimischen Bildschirmen. Gut tat das uns unserer Seele nicht. So fordert Gina gegen Ende sogar einzelne Gäste auf, sie doch mal durch die Plexiglasbarriere hygienisch korrekt zu umarmen. Betrachtet man hier die Ameisenvölker, sind diese uns gesellschaftlich und empathisch meilenweit voraus.

„Jeder Tag ein Vollmond“ führt uns knapp eine Stunde lang hervorragend abstrakt vor Augen, in welch einer paradoxen Situation wir uns befunden haben und noch befinden. Der Schweizerin Gina Haller und dem Esten Risto Kübar merkt man die gegenseitige Harmonie sehr deutlich an. Sie agieren außerordentlich gut miteinander. Da passt alles. Es ist schließlich ein von ihnen selbst entwickeltes Projekt mit Ausblick. Von 1 bis 15 Lockdowns ist die Rede. Bleibt zu hoffen, dass die bisher knapp 16 Mio. Impfgegner im impfberechtigten Alter in Deutschland endlich zur Einsicht kommen, damit die Gesellschaft lernt, halbwegs normal mit einem Virus umzugehen, ohne Plexiglas und Distanz.

Datum: 13. November 2021

www.schauspielhausbochum.de