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Tanztheater 'Strawinsky!' im Ballett Dortmund
Das Ballett Dortmund präsentiert mit „Strawinsky!“ einen wundervollen, zweiteiligen Tanzabend mit außergewöhnlichen Momenten und hochklassigen Darbietungen. Sowohl „Petruschka“ als auch insbesondere „Le Sacre du Printemps“ sind echte Zuckerstückchen.

Den Anfang macht die Dortmunder Kompanie mit „Petruschka“. Das Stück wurde 1911 vom 29jährigen Strawinsky komponiert. Es gilt als ein Ballett der Straße, denn es hat volkstümliche, wie auch tragische Momente. Schließlich erscheint der von seinem Liebesrivalen getötete Petruschka als Geist. Märchenhafte Züge sind dem Stoff nicht abzusprechen. Petruschka kehrt zurück als gefeierter Clown, der in einer heute komplizierten Welt zeitkritisch nach dem kleinen Glück sucht. Choreografisch hat sich Xin Peng Wang an der Urchoreografie von Michel Fokine orientiert. Das Geschehen bewegt sich um ein rundes Stoffelement herum, das als Projektionsfläche für eine optische cineastische Untermalung dient, ein Jahrmarkt der Geschichte. Es steht sinnbildlich für die Stadt des Gigantismus. Die Kamera fährt entlang riesiger Hochhäuser ihrer Zeit. Man erkennt riesige Städte mit übereinander gelagerten Straßen. Sich bewegende Maschinenelemente sind zu sehen. Erinnerungen an den Filmklassiker „Metropolis“ kommen auf.

Die Choreografie hierzu steht trotz aller filmischen Animation im Vordergrund. Man rauscht durch die Jahrzehnte und kommt in der farbigen Gegenwart an, wo der Gigantismus noch lange kein Ende gefunden hat. Nur wer oben ist gewinnt. Der soziale Abstieg droht dagegen vielen. Tänzerisch steht der dynamisch auftretende Petruschka im Mittelpunkt. Er gibt nie auf und spricht die Menschen mit seiner sehr ausgefeilten Körpersprache an, fordert sie heraus, ihm zu folgen. Den Tanzstil kann man als neoklassizistisch bezeichnen, ganz in der Tradition von Strawinsky. Die Bewegungen harmonieren hervorragend mit der Musik. Es sind auch teils maschinenartige Bewegungselemente eingebaut. Die Handlung wird mittels musikalische Brüche und entsprechende Szenen klar und anschaulich dargeboten. Charlie Chaplins bissige Gesellschaftskritik schimmert gut durch. Die beiden kannten sich privat gut. Es wirkt insgesamt spannend. Die Gruppendarbietungen können voll überzeugen. Alles wirkt sehr klar und ohne Schnörkel. Am Ende bleibt seine Tasche und Petruschka höhnisches Lachen aus den Off.

Nach einer langen Pause setzte die Dortmunder Kompanie dem Abend die Krone auf. „Le Sacre du Printemps“, choreografiert von Edward Clug, ist gespickt mit hochklassigen Momenten und einem Element, das die besondere Note verleiht, Wasser. Während das Bühnenbild auf einen weißen Nebel im Oberraum reduziert wird, wird die archaisch anmutende Choreografie zu einem unvergesslichen Hingucker. Es geht darum, ein Leben in Freiheit oder in Gemeinschaft zu gestalten. Verachtet von der Masse hat man es schwer, wird mit Blicken böse beäugt. Sie drohen ihrem Individuum und nehmen es doch wieder auf. All das kommt durch den Körperausdruck klasse rüber. Wie Skulpturen oder Figuren aus alten Gemälden wirken sie, wenn sie ihre gesellschaftliche Position als Gruppe oder Individuum einnehmen. Was ist wichtiger, die Freiheit oder die Gemeinschaft?

Plötzlich erkaltet das Licht und wahre Sturzbäche ergießen sich über die Bühne. Rutschig wird es, was auch die Bewegungen der TänzerInnen beeinflusst. Es ist beeindruckend, wie sie trotz der schlechten Bodenhaftung, nie ihre exzellente Körperspannung verlieren. Nun ergeben sich ganz andere Möglichkeiten. Das Opfer wird durch das Wasser gezogen oder die ganze Gruppe liegt auf der triefend nassen Bühne. Man tritt und schlägt wütend auf die Pfützen ein, dass das Wasser nur so spritzt, extrem dynamisch und klar in der Pose und der Körpersprache. Besonders beeindruckend ist es, wenn die männlichen die weiblichen Kolleginnen als erstarrte Skulpturen in sitzender Pose über dem Wasserfilm schweben lassen. Hier kommt das Attribut magisch ins Spiel. Symbolisch steht das Wasser in dieser Inszenierung für die Aufhebung der Grenze zwischen der künstlichen Form des Balletts und der natürlichen Tanzbewegung. Es symbolisiert Liebe, Fruchtbarkeit und Gefühle. Die Szenen sind eine wunderbare tänzerische Übersetzung der klasse Komposition, hart und abwechslungsreich, puristisch und emotional.

Am Ende badeten die triefnassen AkteurInnen nicht nur im nassen Element, sondern auch glücklich strahlend im absolut verdienten Applaus, stehende Ovationen inklusive.

Datum: 27. Februar 2022

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