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Konzert 'Stoppok und Artgenossen' mit Stoppok, Wolfgang Niedecken, Süden II und dem Joel Havea Trio auf dem Welterbe Zollverein in Essen
Lange mussten die Fans warten. Das Format „Stoppok & Artgenossen“ gastierte erstmals auf dem Welterbe Zollverein in Essen. Unter die Bezeichnung Artgenossen fielen so bekannte Namen wie Werner Schmidbauer und Wolfgang Niedecken. Entsprechend entwickelte sich ein Abend voller guter Töne, ein echtes Zuckerstückchen.

Stoppok, aufgewachsen in Essen und wohnhaft im Norden, zupft seine Gitarre nach eigenem Bekenntnis bewusst „unter dem Radar“ der breiten Wahrnehmung, kennt aber viele MusikerInnen im deutschsprachigen Raum. Entsprechend unkompliziert gestaltet sich ein musikalischer Abend mit Freunden, um gemeinsam zu musizieren. Eigentlich war dieses Konzert bereits vor einem Jahr geplant, musste aber aus pandemischen Gründen ausfallen. Dieses Mal hat es geklappt, auch wenn man wieder zittern musste. Auf der Bühne befanden sich neben Stoppok als Gastgeber ebenfalls überwiegend alte Hasen. Der BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken sowie Süden II mit Werner Schmidbauer und Martin Kälberer sind bundesweit beliebt, bzw. im Westen und Süden tief verankerte Persönlichkeiten ihrer Region. Niedecken hatte den Pianisten Mike Härting mit dabei, den er länger kennt, als BAP existiert. Das Joel Havea Trio, die nachfolgende Generation der Singer-Singwriter, war ebenfalls eingeladen. Leider musste Pippo Pollina von Süden II in der Schweiz bleiben und von der angekündigten Ami Warning war erst gar nicht die Rede. Na ja, auch ohne die beiden Abwesenden, die bestimmt gerne gekommen wären, wurde der Abend zu einer großartigen Session. Gute Songs und Geschichten aus ihrem Lebenswerk hatten alle reichlich mit dabei. Sie wurden in verschiedenen Kombinationen miteinander oder solo dargeboten.

Stoppok ist ein virtuoser Gitarrist aus Leidenschaft. Dabei liegt ihm ein sozial- und gesellschaftskritischer Ton niemals fern. Er packt seine Beobachtungen in ein Klangpaket, das Folk, Rock, Blues und Country umfasst. Das Banjo war auch dieses Mal wieder im Gepäck, genau wie seine teilweise mit Gebrauchsspuren versehenen Gitarren, auf die er aber offenbar nicht verzichten möchte. Da darf auch mal eine Saite reißen. Stoppok nimmt es mit Humor. Ein Stoppok-Konzert ohne Text-Hänger wird es sowieso kaum geben. Dann hilft das Publikum oder es wird improvisiert. Das teilweise Unperfekte mach ihn so sympathisch. Seine Corona-Infektion hat er gut überstanden. Jetzt ist wieder „Alles klar“. Als weitere Songs waren „Wie schnell ist nix passiert“, „Mal dein Herz an“, „Verjubeln“ oder „Weit weg“ mit dabei. Traurig erwähnte er nebenbei seinen guten Kumpel Bernie Conrads, der kürzlich verstarb. Mit ihm kreierte er u.a. seinen vielleicht größten Hit „Beton“, eines der schönsten Liebeslieder, sowie viele andere Songs.

Das Joel Havea Trio um den Bandleader Joel Havea kommt aus Hamburg. Sie spielen ein englischsprachigen Mix aus Blues, Jazz und Funk, alles sehr ansprechend und stimmlich ein großer Genuss. Joel Havea kann mit seinen Stimmbändern sehr überzeugen. Zu hören waren u. a. Before the words escape“ oder „Just people“.

Süden II reiste, wie erwähnt, leider nicht vollständig an. Trotzdem waren Werner Schmidbauer und Martin Kälberer ein Ohrenschmaus für das Publikum, Folk mit alpenländischem Touch. Schmidbauer berichtete von seinen Wandertouren und dass man dort oben in zehn Minuten einen Songs schreiben kann. Heraus kam „Heroben“, ein extrem atmosphärischer und schöner Song. Sprachlich passte er sich der Bayer eher dem Bayerisch eines Harry Valerien an, Hochdeutsch mit einem sympathischen Südakzent, sonst hätte man ihn wohl kaum verstanden. Neujahr feiert man gemeinsam in Pippo Pollina Heimat auf Sizilien. Es waren auch die persönlichen Geschichten, die dieses schönen Abend garnierten. Ein selbst kreiertes Instrument war mit dabei, ein Hang, ähnlich einer Steel Drum. Schloss man dabei die Augen, war auch die Seidenstraße nicht so fern.

Der breiten Masse am bekanntesten war natürlich Wolfgang Niedecken, musikalisches Urgestein aus Köln und BAP-Gründer. 70 ist er nun. Er war das Sahnehäubchen des Abends, als absoluter Charaktertyp und entspannter Lebensgeschichtenerzähler sowie mit der entsprechenden Altersgelassenheit ausgestattet. Mit dem Blick zurück schätzt man viele Dinge anders ein, ohne jedoch das Aufrütteln nicht zu vergessen. Dinge müssen gesagt werden. Niedecken erinnerte mit seinem damals ersten Song an die Anfänge. Die 93jährige Frau Hermann war 1976 die erste musikalische Adressatin seiner Songs, ehe später noch Alexandra, Lena, Rita, Anna, Maria Lopez oder die namentlich Unbekannte, die zaubern konnte, folgten. Schöne Erinnerungen hat er an die Lichtburg in Essen und Wim Wenders. Selbst die leider verstorbene Sheryl Hackett fand Erwähnung. Sie war eine echte Bereicherung für die Band. Über die Gedanken an die schöne Seebühne in Bremen schweifte er Richtung Beat-Club. Damals verstand er nicht, dass bei einem TV-Auftritt ein Musiker von Manfred Mann zwei Instrumente spielen konnte, Flöte und Gitarre. Von einem Play Back-Auftritt wusste er damals noch nichts. Natürlich schmiss er auch seine gesanglichen Stimmbänder an. „Frau Herrmann“, „Vill passiert sickher“, „Leopardefellhoot“ oder „Mighty Quinn“ (Manfred Mann) standen auf der Setlist. Es bleibt zu hoffen, dass die kommende Tour 2022 nicht der Pandemie zum Opfer fällt. Wolfgang Niedecken ist zwar ein klasse Geschichtenerzähler, aber ein noch besserer Musiker.

Am Ende intonierten alle gemeinsam „Lass sie rein“, eine Mahnung, doch endlich die Grenzen in Europa nicht mit Zäunen oder anderen Hindernissen zu versehen. Wir sind doch schließlich alle nur Menschen. Es war ein wundervolles Gipfeltreffen norddeutscher, westdeutscher und süddeutscher Musikgrößen, gemeinsam auf einer Bühne. Gute Musik fragt nicht nach Herkunft, Sprache oder Sprachfärbung.

Wer es verpasst hat, Stoppok & Artgenossen kommen wieder, am 14. Oktober 2022, wieder hier auf Zollverein.

Datum: 10. Dezember 2021

www.zollverein.de