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Oper 'Otello' im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen
Mit der Oper „Otello“ von Gioachino Rossini hat das Musiktheater im Revier (MiR) ein Thema auf dem Spielplan, das wichtiger und aktueller kaum sein kann. Es ist eine großartige Inszenierung einer großen Oper.

Fremdenhass gab es bereits zu Zeiten Rossinis und früher. Das Problem liegt wahrscheinlich in der Natur einiger Menschen und lässt sich niemals ausrotten. Regisseur Manuel Schmitt hat den Stoff in die Gegenwart verpflanzt. Eine architektonische ansprechende Glashalle ist Schauplatz des Empfangs für Otello (Khanyiso Gwenxane), der mit seinem Heer die Osmanen ruhmreich besiegt hat. Mit dem Schwert des Besiegten kehrt er zurück und erhofft sich als Schwarzer endlich gesellschaftliche Anerkennung. Unter einem großen Leuchter spielt man sich Nettigkeiten zu. Was niemand weiß ist, dass Otello bereits heimlich Desdemona (Rina Hirayama), die Tochter von Elmiro (Urban Malmberg), geheiratet hat. Die Liebe hat jedoch ihre Tücken und aus dem Ruhm des Kriegshelden wird schnell eine unerträgliche Hasskampagne mit falscher Freundschaft, hinterlistigen Plänen von Rodrigo (Benjamin Lee) und Iago (Adam Temple-Smith) sowie offener Gewalt. Desdemona und Otello wird das Leben zur Hölle gemacht. So viel zur gut bekannten Geschichte.

Sehr geschickt hat Julius Theodor Semmelmann das Bühnenbild kreiert. Die Glashalle ist das Habitat der weißen Schicht, in der man sich untereinander austauscht. Schwarze werden hier als Gäste toleriert. Ansonsten hängt man sich museal teure Gemälde an die Wand und stellt große Skulpturen auf, vergleichbar mit unseren realen Kunstmuseen. Europäische Kunst dient als Abgrenzung unserer Kultur gegenüber fremdländischen Kulturen. Manuel Schmitt hat unsere hohen Kulturtempel sehr genau beobachtet. Ausländer oder Schwarze sind hier als BesucherInnen tatsächlich stark in der Minderheit, von Ausnahmen mal abgesehen. Es ist spannend zu erleben, wie aus dem Kunsttempel langsam eine Ruine mit Stacheldraht und Sandsäcken wird, ein düsteres Abbild einer kaputten Gesellschaft, wo dann selbst blinkende Überwachungskameras nicht mehr helfen. Desdemona und Otello wollen sich von diesem ihnen feindlichen Gesellschaftsbild nicht einvernehmen lassen. Welche List von außen auch immer gestrickt wird, ihre Liebe bleibt im Kern stets lebendig. Das zeigen ebenfalls die sehr passenden Kostüme (Carola Volles). Otello hat sich extra in Schale geschmissen, doch sein schwarzer Anzug setzt sich von den Pastelltönen der weißen Gesellschaft sichtbar ab. Auch Desdemona wirkt farblich optisch eigenständig. So werden die Standesunterschiede sehr deutlich.

Wichtig für die Inszenierung sind die stummen Kinderrollen, die doch sehr laut sein können, zumindest in ihrer Darstellung. Sie zeigen Otello sehr offensichtlich seine Ausweglosigkeit auf. Im Baströckchen bieten sie ihm Bananen an, treten mit Horrormasken auf oder am Ende sogar mit Maschinenpistolen. Sie verdeutlichen als Gruppe treffend das oft nicht ausgesprochene Gedankengut der weißen Erwachsenenschicht, auch wenn es für unschuldige Kinderseelen sehr brutal und boshaft wirkt.

Musikalisch treten wieder die Musiker der Neuen Philharmonie Westfalen unter Leitung von Guiliano Betta in Aktion, ein sehr feines Arrangement zwischen leisen und aufbrausenden Tönen. Auch der romantische Teil darf bei Rossini nicht fehlen. Ein Horn und eine Harfe treten auf der Bühne extrahiert in Aktion. Stimmlich kann die Inszenierung voll überzeugen. Mit dabei sind Mitglieder des jungen Ensembles sowie der Opernchor des MiR und die stumme Statisterie.

Eine Besonderheit des Abends und eine kreative Idee ist die Mitbestimmung des Publikums, was das Ende der Oper betrifft. Rossini hat selbst zwei Versionen geschrieben. Einmal entreißt Desdemona Otello das Messer und setzt ihrem Leben verzweifelt ein Ende. In der der anderen Version überzeugt sie ihn mit Worten und beide werden sich ihrer Liebe wieder bewusst. Das Publikum musste sich zwischen Tod oder Leben per Kartenabstimmung entscheiden. Ob es unserer sehr wirren, unsicheren und orientierungslosen Zeit geschuldet ist kann man nicht belegen, aber die Mehrheit entschied sich für das glückliche Ende im Leben, mit Liebesbekundungen und offenbar gesellschaftlichem Umdenken. Das Votum des Publikums war wohl auch im Sinne der SängerInnen, denn Khanyiso Gwenxane, in der Rolle als Otello, dankte es dem Publikum beim Verbeugen. Er steckte die schwarze Faust der Black-Power-Bewegung in die Höhe.

Es ist ein klasse Abend mit einer sehr berührenden und großartigen Inszenierung. Ab November stehen wieder alle Plätze im Saal zur Verfügung (3G plus Personalausweis-Pflicht!). Es soll folglich wieder Restkarten geben.

Datum: 31. Oktober 2021

www.musiktheater-im-revier.de