abenteuer-ruhrpott.info Aktuelles abenteuer-ruhrpott.info
Freizeittipps
Veranstaltungen
Ausstellungen
Bücher / Musik
Kontakt
Impressum
Schauspiel 'Orlando' am Schauspiel Duisburg
Mit „Orlando“ hat das Schauspiel Duisburg einen wahren Historienepos als Eigenproduktion im Programm, wunderbar leichtfüßig dargeboten von Friederike Becht und Roland Riebeling in den Hauptrollen. Regie führte Kathrin Sievers.

Gut 350 Jahre Zeitgeschichte in gut 100 Minuten zu komprimieren und dabei nicht zu viel Geschichtsschwere zu transportieren, das ist eine echte Kunst. Dieser Abend tänzelt durch die Jahrhunderte der Menschheit mit all ihren gesellschaftlichen Konventionen, beide Geschlechterrollen differenziert betrachtet. Möglich macht das eine besondere Konstellation. Orlando (Friederike Becht) wird sein Biograf (Roland Riebeling) als Sidekick und Erzähler zur Seite gestellt. So gelingt die Zeitreise mit begleitenden Erläuterungen zum Wann und Wo. Begleitet wird die Handlung durch große Bühnenbilder in Form von gerahmten Gemälden als Druck. Sie versetzten die Besucher in die jeweilige Zeit und Situation. Nicht zu vergessen sind dabei die Nebenrollen, die oft humorvoll den Stoff unterstützen. Adrian Hildebrandt, Tatjana Poloczek und Vera Hannah Schmidtke sind wichtige Orientierungspunkte der jeweiligen Zeit, als Diener, als adelige Gesellschaft, Königin von England oder was auch immer. London ist häufiger Schauplatz der Szenerie. Hinzu kommen sechs Mitglieder des eigenen Jugendclubs „Spieltrieb“ am Haus, die die die Ehre haben, in einer solch großen Produktion körperlich als Chor wertvolle Erfahrung sammeln zu dürfen. Sie machen es gut.

Es ist eine spannende Reise zweier Figuren mit sehr unterschiedlichen Rollen. Orlando gelüstet als Mann nach den Vorzügen seines Daseins. Er genießt die Nähe zum englischen Königshaus, macht Karriere, schmeißt sich nicht nur an eine russische Prinzessin ran oder vergnügt sich mit Matrosen im Hafen. Als Mann hatte man es zeitgeschichtlich lange sehr leicht das Leben machtvoll, lustvoll und hemmungslos zu gestalten, Stoff für eine sehr gelungene Parodie einer Biografie fern unserer Zeit. Orlando ist dabei eine besondere Person. Er möchte mit geschriebenen Worten glänzen und scheitert kläglich, ein Drama. Die Literatur ist ein wichtiger Aspekt dieses Stück, wie auch die Definition der Liebe und des Lebens.

Es erscheint wie eine Art Zielgerade, als Orlando plötzlich als Frau erscheint, ein Rollenwechsel, den Friederike Becht hervorragend vollführt. In beiden Rollen füllt sie die Bühne ganz wundervoll mit ihrer großen Persönlichkeit, immer mit ihrem sehr überzeugenden Biograf an der Seite. Als Frau wird nun aber plötzlich klar, dass sich ihr Rollenbild vollkommen ändert. Sie muss der Männlichkeit dienen, ihr mit freundlich devoten Worten antworten. Die Maßlosigkeit ist plötzlich vorbei. Nun sieht man in ihr die Gebährmaschine ohne eigene Meinung. Für sie ist es verstörend und doch heiratet sie einen Seemann, um die gesellschaftlichen Konventionen zu erfüllen. Dieser besteigt zu ihrer Freude allerdings zügig ein Schiff und verschwindet. So ist der Weg für sie frei, um optisch im modernen London Style im Jetzt anzukommen, als emanzipierte Frau.

Historisch wie auch gesellschaftlich betrachtet ist diese Inszenierung eine klasse Zeitreise mit sehr sehenswerten schauspielerischen Leistungen und jeder Menge Humor. Der Stoff von Virginia Woolf wirkt zu keinem Zeitpunkt angestaubt.

Datum: 13. Februar 2022

www.duisburg.de