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Schauspiel 'Mysterien' im Schauspielhaus Bochum
Mit den Schauspiel „Mysterien“, nach einem Roman des Norwegers Knut Hamsun, bearbeitet das Schauspiel Bochum einen Stoff, den das Leben täglich schreibt. Wie überleben wir als Individuum oder als Gesellschaft? Herausgekommen ist ein echter Longplayer unter der Regie von Intendant Johan Simons.

Um zu überleben schauen manche Menschen sehr fokussiert auf sich selbst. Sie suchen das Glück in der Liebe, im Glauben, in der Gewalt oder in der aufgeblähten Lüge über sich selbst. Am Bahnhof einer norwegischen Kleinstadt strandet ein auffällig gekleideter Mann in einem gelben Anzug mit einem Pelzkragen, der hier eine Weile bleiben möchte. Keiner weiß wer er tatsächlich ist. Er bezeichnet sich als Agronom, wirft mit Geld um sich und nennt sich Nagel. Obwohl die Bevölkerung ihn distanziert betrachtet, schafft er es, sich unter die Leute zu mischen, sie zu provozieren, zu irritieren und zu verstören. Sein Ich bleibt dabei völlig unbekannt. Menschen wie ihn gibt es heute noch immer. Den schönen Schein präsentierend, sind sie auf er Suche nach dem persönlichen Glück des Lebens. Auch Nagel handelt unberechenbar und redet gefühlt stundenlang mit sich selbst, lauter ausgesprochenen Gedanken und wirre Handlungen, die ein vernünftiger Mensch so niemals tätigen würde. Sprunghaft wechselt er die Szenen wie er möchte. Er vergiftet den Hund der Pfarrerstochter, die er begehrt, steckt dem Außenseiter jede Menge Scheine zu oder kauft der reiferen Dame einen völlig kaputten Stuhl ab, um sie anschließend heiraten zu wollen. Dieser Stuhl ist es auch, der seinen Charakter bildhaft darstellt, einen völlig kaputten Typen. Die Inszenierung dringt tief in die Gehirnwindungen dieses Nagel ein und legt offen, wie verstört er mit sich selbst ist, scheinbar ausweglos. Es ist ein Narr, der sich selbst ein Spiegelbild präsentiert, ohne es zu merken. „Man muss die Welt verblüffen“, philosophiert er, als er tatsächlich doch mal zur Geige greift, natürlich schief. Seine geistige Imagination sagt ihm, dass er er auffällt. Er bezeichnet sich sogar selbst reflektierend als Denker, der das Denken nicht gelernt hat. Er stellt bekannte „große Männer“ infrage und lästert übers sie. Vor Gedankensprüngen und desorientierten Handlungen ist man bei Nagel nie sicher.

Ihm wird aber nach und nach durchaus klar, dass er mit sich selbst gescheitert ist. Die Blausäure in seinem Glasfläschchen hatte man ihm längst gegen Wasser ausgetauscht. So kommt es, wie es kommen muss. Nagel inszeniert seinen Suizid, wie er noch glaubt, in einer gläsernen Vitrine, sich selbst aufgebahrt wie Lenin oder ein Pharao, doch es passiert nichts, während der Außenseiter einen Feixtanz aufführt. Er entwickelt sich von einem vermeintlich Verwirrten zu einem echten Narren, der seine neue Rolle richtig auskostet. Man tauscht die Rollen. Aus dem Todesdrama wird für Nagel ein nicht enden wollendes Lebensdrama unter den Blicken der Gesellschaft.

Optisch hat die Bühne jede Menge zu bieten. Den Zuschauern wird an diesem Abend mal richtig bewusst, wie viele einzelne Bühnenelemente sich auf unterschiedlichste Ebenen fahren lassen. Die Bühne präsentiert sich multifunktional, wobei die Requisiten überwiegend reduziert erscheinen. Eine große LED-Wand erzeugt eine schweiß-weiße-Atmosphäre mit Schattenrissen. Das Schauspielhaus Bochum wird zur Bühne eines klassischen Konzerts mit guter Akustik. Es werden auf der Bühne und an den Wänden des Saals digital animierte Musiker eines Streichensembles projiziert, alle mit einer roten Pappnase. Man kann diese als geschickte Anspielung an den ganz großen Charlie Chaplin deuten, der gerne „große Männer“ filmisch auf die Schippe genommen hat. Der Autor Knut Hamsun war zu Lebzeiten ein glühender Anhänger der Nationalsozialisten. Er besuchte sogar Hitler auf dem Obersalzberg. Nagel als ein kleiner Diktator, der natürlich scheitern muss, ist nicht so weit hergeholt.

Schauspielerisch ist der Stoff hervorragend umgesetzt, wobei Steven Scharf als Nagel natürlich besonders zu erwähnen ist. Drei Stunden netto bedeuten jede Menge Text, ohne einen merklichen Hänger. Klar, Verwirrte Menschen oder einen Narren auf der Bühne darstellen zu können, macht besonders viel Spaß, was man ihm anmerkt. Er macht es großartig. Obwohl die eine Rolle so dominant ist, haben Guy Clemens, Anne Rietmeijer, Karin Moog, Jing Xiang und William Cooper durchaus ihre Möglichkeiten, sich sehr gut zu präsentieren. In gewissen Szenen agieren die Akteure auch auch dem dem Publikumsbereich. Es ist insgesamt ein klasse Ensemble, das schauspielerisch zu überzeugen weiß.

„Mysterien“ ist eine gute und sehenswerte Inszenierung, die man sacken lassen muss. Sie muss gedanklich reifen, wie ein guter Käse. Einzig die Länge von 180 Minuten plus Pause ist etwas überdimensioniert.

Datum: 18. September 2021

www.schauspielhausbochum.de