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Schauspiel 'Wo steht dein Maulbeerbaum?' im Schauspiel Bochum
„Wo steht dein Maulberbaum?“ lautet die Frage, die das Schauspiel Bochum sehenswert im Oval Office des Theaters stellt. Es dreht sich um das Auswandern und mehr oder weniger Ankommen an einem einem fremden Ort.

Für viele nicht-europäische Ausländer ist Europa ein freundlicher und warmherziger Kontinent, zumindest in der Fantasie. Sie kommen als Au-Pair nach Deutschland und müssen feststellen, dass man sie in ihrer Rolle willkommen heißt, aber doch oft kaltherzig in ihrem Dasein in der Fremde alleine lässt. Bloß nicht aufmucken und anecken, lautet das Motto vieler junger Au-pair-Mädchen. Auch andere Einwanderer erleben ein anderes Deutschland, als das, welches ihnen irgendwie vorher vermittelt wurde. Nicht nur auf der Ausländerbehörde fühlen sie sich wie Menschen zweiter Klasse. Dabei gilt das Grundgesetz für alle, was Rechte und Pflichten betrifft. Während sie den schwierigen Alltag bewältigen müssen, sind die schönen Kindheitserinnerungen stets im Hinterkopf. Hinter ihnen liegt ein biografisches Loch ganz weit weg und vor ihnen die unsichere Zukunft.

Die Geschichte dieses Stücks ist gespickt mit dem Thema Emigration. Die georgische Regisseurin Tamó Gvenetadze, geboren 1993 in Kutaissi (Georgien), kam mit 18 Jahren nach Deutschland. Schauspieler Risto Kübar wurde 1983 in Kose (Estland) geboren. Seine kenianisch-österreichische Kollegin Mercy Dorcas Otieno hat sogar eine doppelte Migration hinter sich und war auch als Au-pair tätig. Selbst Schauspieler Marius Huth hat in Österreich einen Teil seiner Ausbildung absolviert. Für alle Beteiligten ist das Thema Migration auch ein Teil der eignen Biografie. „Exil ist harte Arbeit“, prangt es am Ende groß auf der Bühne.

Das Stück ist im Oval Office zu sehen, ganz nah dran an den ZuschauerInnen, räumlich alles sehr intim, vor geschätzten 50 Tribünenplätzen. Die Premiere platzte aus allen Nähten. Wie definiert man den Begriff Heimat? Die Kindheit erscheint in der Fremde wie eine vergangene Welt, die nun unerreichbar ist. Da gab es z.B. einen Maulbeerbaum in Georgien, der süße Früchte trug. Man naschte gerne, auch wenn es einem verboten war. Kann man einen solchen Baum auch in Bochum pflanzen? Der Wunsch besteht, man versucht es auch, aber die klimatischen Bedingungen existieren hier leider nicht.

Ein wichtiger Strang des Stücks ist die georgische Rockband „Soft Eject“, die 1992 tatsächlich nach Bochum kam. Ihre Bassgitarre hatte man ihnen auf der Reise gestohlen. Durch Kontakte landeten sie in Bochum und spielten häufig auf der Straße. Ihre Musik ist Teil des Soundtracks. Auch ihre Briefe in die Heimat werden zitiert. Die Lieben daheim sollen sich keine Sorgen machen. Alles läuft relativ gut. Sie berichten von Auftritten in der ganzen Region, können davon leben. Selbst einen kleinen Fanclub hatten sie. Von rassistischen Angriffen berichtet man in den Zeilen an die Familie eher beiläufig.

Die Inszenierung prangert an, blickt genau hin und mahnt. Sie bleibt aber angenehm leise und nachdenklich. Egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund im Publikum, dieses Stück verdeutlicht ein Problem, das millionenfach nicht nur in Deutschland existiert. Real gibt es Menschen erster und zweiter Klasse, was mit Pass und Herkunft zusammenhängt.

Datum: 7. Januar 2022

www.schauspielhausbochum.de