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Schauspiel 'Lorenzaccio' im Schauspielhaus Bochum
Nach mehrmaliger Verschiebung konnte das Schauspielhaus Bochum endlich sein Stück „Lorenzaccio“ von Alfred de Musset präsentieren. Es geht um den moralischen Sumpf des Adels und des Klerus im alten Florenz. Das Ergebnis ist interessant, allerdings mit Luft nach oben. Regie führte Nora Schlocker.

Es geht um die Herrschaft im alten Florenz um 1537, insbesondere zwischen Alessandro de Medici (Ingo Tomi) und Lorenzaccio de Medici (Marius Huth). Die verwandtschaftlichen und gesellschaftlichen Verbindungen diverser Personen spielen eine wichtige Rolle. Sie alle hier zu erwähnen wäre viel zu komplex. Man befindet sich in einer Gesellschaft, in der Frau lediglich als die Gespielin des Mannes zu dienen hat. Sie soll ihm Spaß bereiten. Sexuelle Eroberungen junger Frauen und Mädchen gelten für mächtige Männer als ganz normaler Wettkampf. Selbst der Klerus ist in diverse moralische Fehlentwicklungen integriert und wirkt stumm, sobald man ihm den Spiegel vorhält, in Person von Kardinal Cibo (Risto Küber). So bekommt das Stück einen sehr aktuellen Bezug, wenn man zu Kardinal Woelki ins Erzbistum Köln blickt. Sexueller Missbrauch wird dort selbst im Jahre 2022 nicht wirklich ernst genommen und selbst der Papst schweigt dazu. An solchen Stellen wirkt das Stück gut nachvollziehbar und griffig.

Das Bühnenbild, ein gläserner Raum, steht sehr geschickt für das Vorhaben, die Vorgänge transparent für alle zu machen, was damals hinter dicken Mauern verborgen blieb. Man spielt mit dem Außen und dem Innen. Skandale und moralische Fehltritte werden so angedeutet, mal leise und mal laut. Der willkürliche Tod, damals offenbar ein tägliches Schreckensszenario, wird thematisiert. Was ist schon ein Mord durch Gift oder eine Waffe. Selbst der Herrscher, in die Sexfalle gelockt, muss dran glauben, ohne jeden Aufschrei. Das alte Florenz versinkt in der Dekadenz und landet elendig, was allerdings nicht gut genug und deutlich herausgearbeitet wird. Sprachlich reicht die Spanne von altem Deutsch bis hin zu Passagen vom eher flapsigem Alltagsdeutsch. Ein zwischenzeitlicher Erzähler hätte dem Stoff sehr gut getan.

Schauspielerisch gibt es nichts auszusetzen, was bei dem tollen Ensemble des Bochumer Schauspielhauses generell schwierig möglich ist, und auch szenisch ist das Stück interessant, da das Geschehen sich nicht selten ins Publikum verlagert sowie Zuschauer auf der Bühne Platz nehmen dürfen. Ebenso können die Kostüme überzeugen, historisch angelehnt und doch im Stil des modisch-eleganten Zeitgeists. Der Stoff ist allerdings so komplex, dass man ihn durch bessere Dialoge, Erzählungen und Requisiten vermitteln sollte. Die vielen verbalen Andeutungen erzeugen kein historisches Kopfkino. Das ist einfach zu viel verlangt. Als Besucher ist man mit den gesellschaftlichen Strukturen im alten Florenz wenig bis gar nicht vertraut. Das Haus Medici liegt in ferner Vergangenheit. In der begleitenden Information ist sogar von einer musikalischen Komposition (Simon James Phillips) die Rede. Viel ist davon nicht zu erkennen.

Es ist hier fast wie im Fußball, viel Ballbesitz, technisch gut gespielt, den Gegner kreativ beherrscht und doch 0:1 verloren. Die eher nicht so gut besuchte Premiere erntete verhaltenen Applaus.

Die noch immer bestehende FFP2-Maskenpflicht im Haus basiert übrigens auf einer Anordnung der Stadt Bochum. Das Schauspielhaus selbst trägt daran keine Schuld.

Datum: 23. April 2022 (Premiere)

www.schauspielhausbochum.de