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Schauspiel 'Das neue Leben' im Schauspielhaus Bochum
Einen klasse Start in die neue Spielzeit 2021/22 hat das Schauspielhaus Bochum hingelegt. Mit dem Stück „Das neue Leben“, frei nach Dante Aligheri, hat man einen 700 Jahre alte Komödie vorzüglich, zeitgenössisch interpretiert. Regie führte Christopher Rüping.

Ein schüchtener Italiener, an sich schon ein nicht vorstellbarer Zustand, verliebt sich mit neun Jahren in eine gewisse Beatrice. Er kriegt sie nicht mehr aus dem Kopf verbannt. Allerdings bekommt er kein Wort heraus, wenn es um seine wahren Gefühle geht. Ein Winken oder ein Hallo, mehr ist nicht drin. Um diese vor sich und der Umwelt zu verstecken, müssen andere Damen als Schutzschilder oder Ablenkungsmanöver herhalten. Als es diese aus diversen Gründen nicht mehr gibt, stirbt Beatrice an den Folgen der Pest sehr jung im Alter von 24 Jahren. Was bleibt, sind seine Gedichte, Lieder und Briefe an sie, die sie nie gehört oder gelesen hat. Eine unerfüllte Liebe bleibt unerfüllt, doch wie geht das Leben nun weiter, ohne die im Geiste idealisierte Traumfrau?

Diese Komödie ist sehr humorvoll dargeboten, ohne die ernsten Passagen zu vernachlässigen. Die Gefühle spielen Regie. Warum bekommt man das nicht hin? „Ich liebe dich“ ist doch gar nicht so schwer zu formulieren. Er redet sich ein, dass Sex völlig überbewertet wird. Die Aufforderung „Lass es raus“ verhallt stumm. Seine Traumfrau ist so nahe und doch so fern.

Szenisch muss man immer wieder schmunzeln. Ein selbstspielendes Klavier ohne Pianist wie ein weiterer Akteur auf der Bühne. Man interagiert miteinander. Dabei ist die musikalische Komposition von Jonas Holle und Paul Hankinson absolut passend. Das Klavier kommentiert mit einzelnen Tönen gerne mal die emotionale Verwirrung. Manchmal reicht einfach nur ein Anschlag im richtigen Moment. Es begleitet ebenfalls inhaltlich gut gewählte Songs wie „I will always love you“ (Whitney Houston), „Hit me Baby“ (Britney Spears) oder „Anything for love“ (Meat Loaf). Eine Wonne ist es, ihrer gut gesungenen und humorvollen Interpretationen zu lauschen. Ironische Momente kommen nicht zu kurz.

Die Klaviertasten verstummt allerdings in dem Moment, als man sich der Tragweite ihres Todes bewusst wird. Wohin geht die Reise? Der Tod reduziert uns alle zu einem Nichts, also runter vom hohen Ross. Es folgt eine Anklage an den Tod, völlig verwirrt von den Bestimmungen der Liebe. Die weißen Ringe auf dem Boden wirken hier ganz besonders wie wie Jahresringe eines Baumes oder die Grenzen unseres Universums. Die Pest erscheint akustisch als gruseliges Rauschen im Hintergrund, inklusive Nebel und ernsten Gedanken zum Tod. Ein rotierender Lichtkörper weckt schmerzhaft Erinnerungen und verpasste Chancen, untermalt von wummernder, elektronischer Club-Musik. Wie geht das Leben weiter? Ratlose Seelen, symbolisiert als grüne Raupe oder dem Tod in Gestalt, zeichnen Bilder ihrer Gedanken, als plötzlich Beatrice erscheint als alte Frau aus dem Totenreich erscheint, klasse gespielt von Gastschauspielerin Viviane De Muynck. Es ist ihr humorvoller Umgang mit den Leiden des Alters, der einen bannt. Die Liebesbekundungen hätte sich eher gewünscht. Jetzt lässt sie den Italiener abblitzen. Auf das späte „Ich liebe dich“ entgegnet sie ein trockenes „Okay“. Tote finden keine Ruhe solange man ihnen gedenkt. Man soll nicht sentimental werden, die eigene Geschichte akzeptieren und aushalten was nicht geworden ist. Wir sind schließlich nur ein Blatt im Wind der Geschichte.

Die erzählende Struktur des Textes steht im szenischen Vordergrund. William Cooper, Anna Drexler, Damian Rebgetz, Anne Rietmeijer, die frisch gekürte beste deutschsprachige Nachwuchsschauspielerin 2021, und die 75jährige Viviane De Muynck glänzen in diesem Stück mit all ihrem Können in wechselnden Rollenbesetzungen. Teilweise verwendet man auch Alltagssprache, wenn es darum geht, die Verwirrtheit oder die aufmunternden Kommentare zu verdeutlichen. Im Ruhrgebiet wird nun mal gerne Klartext gesprochen. Anna Drexler agiert unnachahmlich in ihrer wunderbar emotionalen Art. Ihre hervorragende Rolle als Narr in „King Lear“ ist kein Einzelfall. Selbst Küsse und Umarmungen sind wieder auf der Bühne möglich. Der gespannte Bogen aus Humor und ernsten Gedanken endet wieder humor- und hoffnungsvoll mit dem Song „Schläfst du heut bei mir“ von Danger Dan, dessen Text auch bewusst zitiert wird . Die Interpretation ermuntert uns, die wahren Gefühle raus zu lassen und das Leben zu genießen, denn zu Staub zerfällt man noch früh genug, so viel ist sicher. Am Ende spricht in überdimensionierter Größe die Natur. Ist das etwas das Paradies, nach dem wir alle streben?

Die Akteure auf der Bühne konnten gar nicht lange genug im begeisternden Premierenapplaus des Publikums baden. Anna Drexler forderte ihn sogar noch ein letztes Mal sehr sympathisch aktiv heraus. Das klasse Ensemble des Schauspiel Bochum musste lange genug auf das Handklappern verzichten. Ein klasse Stück mit ausgezeichnet guter Besetzung, sehr sehenswert inszeniert. So kann die Spielzeit gerne weiterlaufen.

Datum: 10. September 2021

www.schauspielhausbochum.de