abenteuer-ruhrpott.info Aktuelles abenteuer-ruhrpott.info
Freizeittipps
Veranstaltungen
Ausstellungen
Bücher / Musik
Kontakt
Impressum
Schauspiel 'Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!' im Grillo Theater
Mit dem Schauspiel „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ präsentiert das Grillo Theater ein politisches und hochaktuelles Stück, das unsere Gesellschaft, uns und die Mächtigen plakativ und doch tiefgehend darstellt. Regie führte Hermann Schmidt-Rahmer.

Als Regisseur ist Hermann Schmidt-Rahmer für optisch außergewöhnliche Inszenierungen bekannt. Das ist hier nicht anders. Es wird bunt und an der Oberfläche plakativ. Es geht um einen Text von Elfriede Jelinek, in dem sie eine Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft abgibt. Täglich versuchen wir die Probleme, mit denen wir nicht fertig werden, durch eine Meinungsflut aus wahren und falschen Tatsachen, Emotionen, Hypothesen oder Gerüchten laut in die Welt zu blasen. Eine Lösung kommt dabei so gut wie nie zustande, eher ein hitziges, nebeliges Gemenge, das an Lärm erinnert.

Den optischen Rahmen des Stücks bildet eine Aprés-Ski-Hütte in Ischgl, das „Kitzloch“. Hier versammeln sich die alle die, die zu allem eine Meinung haben. Es kommt der Eindruck auf, dass alles von einer unsichtbaren Macht gesteuert wird, die wir nicht kennen. Wer führt da Regie? Sie machen sich auf die Suche der Misere und stellen fest, dass sie sich ständig überwacht und ausgetrickst fühlen. Der Staat oder eine andere Macht diktiert ihnen ihr Leben, das sie so nicht wollen. Wie Versuchskaninchen in einem Käfig ist man den Mächtigen ausgeliefert, ohne eine Meinung haben zu dürfen. Schaut man nach Berlin, so hat Elfriede Jelinek eine ziemlich reale Zustandsbeschreibung formuliert. Man fühlt sich stark bevormundet, nicht mit-oder ernst genommen und fehlerbehaftet an der Nase herumgeführt, Versuchskaninchen eben, mit eher negativen Folgen für den „kleinen Mann“ des Volks, der schließlich aufbegehrt und laut wird. Aktuell steigen die Umfragewerte für rechtsgerichtete Parteien und die Zahl der unzufriedenen Nichtwähler, nicht nur in Deutschland. Basta-Entscheidungen und eigenmächtige China-Geschäfte gegen jeden wohl gemeinten Rat machen die Lage nur noch schlimmer. Unsere Mächtigen gefährden unsere Demokratie. Die Folge der Reaktionen auf der Bühne ist absolut schlüssig und auch gut dargestellt. Die Ohnmacht gegenüber den Machtstrukturen wird deutlich vermittelt. Sie tauchen nicht auf. Auch Internetdienste machen ihre Nutzer zu gläsernen Menschen und steuern sie so ganz geschickt. Im Stück werden sie zu Nutzvieh, zu Schweinen, die die Mächtigen sich halten, denn auf irgendetwas muss man ja herabschauen. Die drastische, stark überzeichnete Darstellung wirkt sehr deutlich und dabei treffend.

Geschickt hat Hermann Schmidt-Rahmer die Oberfläche mit der griechischen Sage des Odysseus verwoben. Darin verwandelt die Zauberin Kirke die gestrandeten Männer in Schweine. Odysseus ist vorsichtig und fällt ihr nicht zum Opfer, sondern verliebt sich in sie. Er überredet sie, seine Leute zurück in ihre frühere Gestalt zu verwandeln. Die mythologische Reisegruppe geht ihren Weg.

Die Inszenierung ist schauspielerisch extrem anspruchsvoll. Stefan Diekmann, Alexey Ekimov, Ines Krug, Jan Pröhl, Moritz Tostmann und Silvia Weishaupt haben eine riesige Menge an Text zu bewältigen, müssen mit Skischuhen und teilweise auch Skiern über die Bühne stapfen, die schweren Daumenschrauben der Mächtigen an den Füßen. Einfach ist das nicht. Es nötigt großen Respekt ab. Der Souffleur ist ab und zu mal gefragt, was nachvollziehbar ist. Es ist oft eine schnell gesprochene Alltagssprache der Masse, keine betont theatrale Bühnensprache. Das Fußvolk drückt sich nicht herrschaftlich aus und die Mächtigen tauchen nicht auf.

Insgesamt ist dieses gesellschaftlich sehr aktuelle Stück ein sehenswerter und nie langweiliger Abend mit einem interessanten Bühnenbild. Es ist bunt, wild, grotesk und hat sichtbare Züge des Boulevard. Man darf allerdings nicht nur die hervorstechende Oberfläche betrachten, sondern muss auch den zweiten Strang der griechischen Mythologie im Auge haben, der geschickt in das wilde Treiben eingefügt ist. Das im Theater erhältliche gute Programmheft ist für das Verständnis dieses Stoffs durchaus hilfreich und empfehlenswert. Freunde eines klassischen Theaterabends werden vielleicht etwas irritiert sein, andere begeistert. Der Stoff mahnt die Vertreter der Macht und das Volk zugleich, mit Augenmaß zu handeln und Lärm vielleicht besser zu vermeiden. Sonst endet es eines Tages ziemlich böse. Das italienische Modell sollte keines für Deutschland sein.

Datum: 21. Oktober 2022

www.theater-essen.de