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Playback-Musical 'Karneval' im Theater Oberhausen
Nach 18 Monaten Leidenszeit kann das Theater Oberhausen endlich wieder eine echte Premiere im großen Saal mit komplett neuer Bühnenmaschinerie feiern. „Karneval“ heißt das extrem außergewöhnliche Stück, das in absolut keine Schublade passt und sich mit dem Thema Rassismus befasst.

Als was kann man diese Inszenierung einordnen? Vielleicht als avantgardistisches Bewegungstheater mit Szenen eines außergewöhnlichen Musicals, einem spannenden Soundtrack, viel Pantomime, Performance, Zirkusatmosphäre und einem durchgehenden Playback-Sound, zusammengefasst ein ausgefallenes Bühnenkunstwerk. Alles klar? Nee? Live gesprochen wird definitiv kein einziges Wort. Die SchauspielerInnen bewegen ausschließlich relativ synchron den Mund. Sie lassen die energetische Soundkollage, die zum Stück passenden und extrem aufwendig gestalteten Kostüme sowie die Texteinspieler für sich sprechen. Wichtig dabei ist, dass die Gesichter frei zu erkennen sind und mimisch agiert werden kann. Hinzu kommt das sehr interessante Bühnenbild, bestehend aus einer Wand von silbern glänzenden Bierfässern einer Duisburger Brauerei, einer Showtreppe, bzw. einer Holzwand, versammelt auf einer frisch renovierten, rotierenden Drehbühne.

Der inhaltlich rote Faden ist das uns alltäglich betreffende Thema Rassismus. Grundlage dieser Darstellung ist der heimische Karneval sowie das Musical „König der Löwen“, was gemeinsam zwangsläufig für viel Farbe auf der Bühne sorgt. Im Karneval treffen viele Kulturen aufeinander, verkleidet als was man immer schon mal gerne sein wollte. Hier kann man sich seine eigene Identität auf Zeit erschaffen. Das Wort Indianer ist im Karneval kein Tabu. Man geht sogar als Mohr mit schwarzer Perücke auf die Straße, ohne sich dabei etwas zu denken. Das wird ebenfalls in Einspielern deutlich. Thomas Gottschalk erzählt sehr naiv, wie er als Jimi Hendrix verkleidet, sich erstmals als Schwarzer gefühlt hat. Welche Verkleidung steht einem ethisch zu? Darf ich mich einfach so als Vertreter eines anderen Volkes darstellen, ohne es nicht zu beleidigen? Tino Chrupalla (AfD) ist ebenso prominent vertreten, mit der hilflosen Antwort auf die Frage nach seinem deutschen Lieblingsgedicht. Politischer und gesellschaftlicher Rassismus wird szenisch so laut hervorgehoben, dass man ihn nicht übersehen kann. Dafür ist der schwarze Schlagersänger ein willkommener Unterhaltungskünstler. „Ein bisschen Spaß muss sein“ wird so geschickt als Club-Version umgestrickt, dass es für die Chart reichen könnte, was für den gesamten Soundtrack gilt, der klasse ist. Professionelle Club-, Underground- oder Techno-Klänge ziehen sich durch das Programm. Bekannte Songs wie „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“ oder das „Knallrote Gummiboot“ bekommen so einen komplett neuen Anstrich als cooler Mix mit elektronischen Beats und Beatboxing. Ein dickes Lob an Frieder Blume für den Sound, wie auch an Mascha Mihoa Bischoff für die richtig guten Kostüme. Da steckt ordentlich viel Arbeit drin.

Natürlich gibt es auch hier und da Schwachstellen. Regisseurin Joana Tischkau hat u. a. Tanz und Choreografie studiert. Das merkt man dem Abend deutlich an. Niemand wird erwarten, dass ausgebildete SchauspielerInnen klassische Performer oder professionelle Tänzer ersetzen können. Das Party-Club-Parkett beherrschen Dori Antrie, Sophia Hankings-Evans, Nina Karimy, Agnes Lampkin, Moses Leo, Henry Morales, Anna Polke und Julius Janosch Schulte bewegungstechnisch durchaus, den Catwalk ebenso, jedoch Pirouetten oder bestimmte Schrittfolgen etwas weniger. Man gibt sich aber sehr viel Mühe. Darauf kommt es bei der Fülle an optischen und akustischen Effekten auch gar nicht so sehr an. Mimik und Pantomime transportieren den Inhalt verständlich und gut. Langweilig ist dieser Abend zu keiner Sekunde.

Wer an diesem Abend traditionelles Stadttheater erwartet, der sollte lieber zuhause bleiben. Es ist kein klassisch inszenierter „King Lear“, wie zuletzt in Bochum zu sehen, mit schwer tragenden Rollen, intensiver Dramatik und tiefen Gedankenpausen. Man muss sich auf eine völlig neue Form der Unterhaltungskunst einlassen und offen sein. Das Stück harmoniert in sich und trägt die Botschaft auch verständlich nach außen. Der Karneval ist tief in seinem Kern traditionell, oberflächlich tolerant und zugleich rassistisch verharmlosend. Bekommt die Bierfässerwand anfangs noch tolerante Öffnungen, so verschließen sich diese am Ende wieder. Sie fällt keinesfalls. Schlussendlich heißt es sogar als Fazit „Jecken raus“.

Datum: 11. Februar 2022

www.theater-oberhausen.de