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Ausstellung 'Gras drüber' im Deutschen Bergbaumuseum Bochum
Mit dem Thema „Gras drüber“präsentiert das Deutsche Bergbaumuseum in Bochum eine sehr sehenswerte und besonders umfangreiche Sonderausstellung zum Thema Umweltpolitik und Rekultivierung. Rund 800 Objekte zeigen verschiedene Perspektiven auf und geben dem Betrachter eine gewisse Orientierung in historischen Ost-West-Fragen und aktuell schwierigen Problemstellungen.

Der Energiehunger der Menschen ist, gekoppelt an den Wohlstand, enorm hoch. Ausschließlich eine nicht realistische und drastische Reduzierung der Weltbevölkerung könnte dem Einhalt gebieten und das Klima vielleicht noch retten. Alle anderen Lösungsansätze sind Augenwischerei und Aktionismus. Der Planet Erde wird als Lebensraum der Menschheit nicht mehr zu retten sein, solange u. a. in China jährlich 4 Milliarden Tonnen Kohle abgebaut und irgendwo verfeuert werden, Tendenz deutlich steigend. Das ist unsere derzeitige Ausgangslage.

Blickt man aus der Raumstation ISS auf die Erde, so fallen den Astronauten häufig die Braun- und Steinkohletagebaue auf, wie riesige Narben. Was einst für die Energieversorgung notwendig und vielleicht richtig war, das bereitet und heute Sorgen. Ein Zurück zur einstigen Natur gibt es nicht mehr. Die neue rekultivierte Landschaft wird ein anderes Bild abgeben. Nur welches? Dieses Bild ist der rote Faden durch die Ausstellung, konzentriert auf die damalige DDR und Westdeutschland.

Verteufelt wird hier gar nichts. Die Schau bietet Perspektiven an, aus der Sicht von sechs fiktiven Figuren. Unternehmer, Umweltschützer, Lokalpolitiker, engagierte Bürger, ehemalige Bergleute oder Wissenschaftler haben einen jeweils anderen Blick auf das, was notwendig ist. Während der Lokalpolitiker die Energiesicherheit im Blick hat, kritisiert der Umweltaktivist die Folgeschäden und der ehemalige Bergmann blickt durch eine noch ganz andere Brille. Betrachtet man die historische Ost-West-Frage, so waren die Probleme damals ganz ähnlich. Auch in der DDR gab es engagierte Bürger, die die Braunkohletagebaue in Frage gestellt haben, während der Staat keine Alternativen hatte. Hunderte Ortschaften mussten der DDR den Braunkohlebaggern weichen, Grundwasserprobleme und Staubbelastung inklusive. Neben den westdeutschen Abbaugebieten stehen die Lausitz und der Uran-Bergbau in der DDR im Mittelpunkt. Bei letzterem spielen Aspekte wie gefährliche Strahlungen und gesundheitliche Schäden eine große Rolle. Ganz ohne Folgeschäden ließ sich hier wie da keine Energie erzeugen, während die damit verbundenen Arbeitsplätze Wohlstand und ein gutes Leben ermöglichten. Immer eine Sache der Perspektive.

Aufgezeigt werden technische Prozesse, ökonomische Erfordernisse, ökologische Probleme sowie wissenschaftliche Daten und Fakten. Aufgrund der vielfältigen Perspektiven kann sich jeder seine eigene Meinung bilden. Was allen Beispielgebieten bleibt, ist die bergbauliche Prägung. Teils wurde Tagebaue zugeschüttet oder zumeist geflutet. Im Ruhrgebiet hinterließen Bergwerke heute touristisch spannende Halden, aber auch unerwünschte Bergsenkungen.

Es gibt so viele Ausstellungsobjekte. Eine der ältesten Jagdwaffen der Welt ist als Replik zu sehen, der Schöninger Speer. Man erblickt ein Modell eines Braunkohletagebaus, technische Maschinenteile, Alltagsgegenstände der Bürger, Symbole des Protests, thematisch bezogene Kunstwerke, großformatige Fotos sowie musikalische Bezüge zur Pop-Kultur. Highlights sind eine Lederjacke von Joschka Fischer aus den 1970er Jahren und ein originales Baumhaus aus dem Hambacher Forst, das man erst wenige Wochen vor Ausstellungsstart gemeinsam und in Abstimmung mit dem Bewohner aus 17 m Höhe abgebaut und in Bochum wieder aufgebaut hat, eine einfache und zugleich beeindruckende Konstruktion.

Diese Ausstellung mahnt uns, in der Gegenwart energiepolitische Entscheidungen sehr fein zu bedenken und abzuwägen. Eine Windmühle als Vorläufer der Windkraftanlagen ist versteckt in einer Vitrine zu sehen, erwähnt wird aber leider nicht, dass ein 20 bis 30 m im Durchmesser und 4 m hohes Fundament eines modernen Windrades etwa 1.600 Tonnen Stahl und Beton frisst, also rund 350 qm Bodenversiegelung verursacht. Was passiert mit dem Fundament, wenn das Windrad später technisch überholt sein wird und abgebaut werden muss? Gräbt man diese Umweltsünde unter dem Gras konsequent nachhaltig gedacht wieder aus? Eine redaktionelle Anfrage bei den Grünen in Berlin blieb diesbezüglich leider unbeantwortet. Auch solche und weitergedachte Fragen verstecken sich still und leise gedanklich in dieser richtig guten Ausstellung, zu der es auch einen Multi-Media-Guide geben wird.

Die sehr gelungene und nicht einfach zu konzipierende Ausstellungsarchitektur stammt vom Büro Gruppe für Gestaltung GmbH (GfG) aus Bremen.

Die Publikation „Gras drüber … Bergbau und Umwelt im deutsch-deutschen Vergleich ist im Verlag De Gruyter/Oldenbourg erschienen und im Museum erhältlich.

Laufzeit: 11. Juni 2022 bis 15. Januar 2023

www.bergbaumuseum.de