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Musiktheater 'Jauchzet, Frohlocket!' im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen
Mit „Jauchzet, Frohlocket!“, dem Weihnachtsoratorium von J.S. Bach mit Werken von Carl Orff, Arvo Pärt, Hanns Eisler und Dario Fo, präsentiert das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen ein Werk, das einen alten Stoff mit neuen Einflüssen garniert. Musikalisch kann die Inszenierung überzeugen.

Zum Anfang hat man 75 Bürger von Gelsenkirchen vor der Kamera interviewt, von 8 bis 80 Jahren. Die Zeiten sind schwierig. Was für einen erlösenden Messias wünscht man sich? Am was oder wie glaubt man? Es sind Themen, die man sich so nicht jeden Tag stellt. Sie laufen filmisch 20 Minuten vor den Stück, in der Pause und zehn Minuten nach Ende in Saal. So kommen die verschiedensten Meinungen und Gedankenbilder zusammen, u. a. auch von bekannten Gesichtern aus dem MiR.

Es ist eine Inszenierung, die sich an die gegenwärtige Gesellschaft richtet, an eine diverse Gemeinschaft, die sich wenig homogen präsentiert. Wie gehen wir mit sogenannten Fremden um? Ständig sind wir auf er Suche nach einem Messias, der uns von all den Problemen befreit. Ist es ein unschuldiges Kind oder etwa ein erwachsener Superman? Da kommt so ein Jesuskindchen symbolisch genau richtig. Man nehme ein Kindchen, zwei Fremde und jeder kann sich so sein eigenes Bild davon machen. Der Esel wird zum Drahtesel, sprich Fahrrad. Kinder treten ebenfalls in Form von gespielten Puppen auf. Welche Erwartungen haben wir an sie? Die beiden Fremden werden in der Inszenierung bewusst nicht als Maria und Josef geführt. Das Kind in der Krippe symbolisiert die nachwachsende und hoffentlich klüger handelnde Gesellschaft.

Mit Dario Fo hat man einen Literaturnobelpreisräger mit zwei großen Textpassagen im Programm, die beide positiv hervorstechen. Man zitiert aus „Bonifazius VIII“ und lässt dabei einen recht ungewöhnlich erscheinenden Papst als Puppe vorsprechen. Andererseits ist es „Der Kindermord von Bethlehem“, der sehr ansprechend inszeniert wurde. Als zweiter Einschub sind Arbeiten von Hanns Eisler mit dabei, das „Lied einer proletarischen Mutter“ und „Das Lied von der Moldau“. Letzteres wird auffallend schön von Bele Kumberger dargeboten. Mit einem Werk von Carl Orff geht alles los. Die Bühne wird zu einer wilden Hexenhöhle mit alpenländischen Akzent. Das meiste davon versteht man. Vielleicht wollte man hier den externen Einschub auch sprachlich kennzeichnen und zeigen, dass man für jede Form von Diversität offen ist, auch sprachliche.

Begleitet wird der Abend ausgezeichnet von der Neuen Philharmonie Westfalen, unter der Leitung von Alexander Eberle. Solistinnen und Solisten sowie der Opernchor sind klasse aufeinander abgestimmt. Über die Partitur von Bach muss man nicht viel sagen. Es ist ein außergewöhnlich schönes Werk, das auch akustisch würdig zu erleben ist.

Die Musik und die Künstler sind die eine Seite, das Szenische allerdings die andere. Hier zeigt die Inszenierung von Regisseur Michael Schulz doch einige Schwächen. Während man die Puppenspieler mit ihren verschiedenen Puppentypen absolut positiv hervorheben kann, wirkt die Bühne über längere Strecken wenig ansprechend. Der Anfang fetzt, aber dann wird es schwierig. Klar, man hat nachhaltig gedacht und einzelne Requisiten ehemaliger Produktionen zu einem Bühnenbild zusammengebaut. Das ist als Gedanke durchaus lobenswert, nur leider das Ergebnis nicht. Es wirkt nicht stimmig und spannend schon gar nicht. Weil der Opernchor fast permanent auf der Bühne ist, gibt es einen Stuhlkreis als beinahe ebenso ständiges Bild. Diese werden im zweiten Akt zu einer Festtafel. Abgegessen und leer wirkt der Anblick als Kulisse eher unschön. Auf der Bühne ist ständig eine Menge los, oftmals einfach zu viel. Hinzu kommen die Einschübe anderer Künstler. Es wirkt unruhig, voll und nicht harmonisch. Das alles unter einen homogenen Hut zu bekommen ist keine leichte Sache. Ebenfalls kritisch darf man die Kostüme von Renée Listerdal betrachten. Sie sollen unsere diverse Gesellschaft der Gegenwart darstellen. Das machen sie auch überdeutlich, nur wirkt das bei einem musikalisch so feinen Werk ziemlich befremdlich. Die Seh- und Höreindrücke ergeben kein homogenes Bild im Kopf.

Die Szenerie bekommt jedoch im zweiten Teil noch eine unerwartete Wendung. Mit dem Auftritt von Herodes als klasse dargebotene Puppe wirkt die Bühne plötzlich klar, aufgeräumt und mit dem Herodes eines Dario Fo sehr unterhaltsam. Zwar füllt sie sich anschließend wieder, jedoch mit einem Lichtermeer aus Kerzen erreicht man eine klare und aufgeräumte Szenerie, die auch dem alten Stoff Bachs würdig ist, mit Einschränkung der Kostüme.

Licht und Schatten prägen diesen Abend. Schließt man die Augen, so schwebt an im siebten Bach-Himmel, optisch dagegen ist spürbar Luft nach oben, mit Ausnahme der Puppen.

Datum: 11. Dezember 2021

www.musiktheater-im-revier.de