abenteuer-ruhrpott.info Aktuelles abenteuer-ruhrpott.info
Freizeittipps
Veranstaltungen
Ausstellungen
Bücher / Musik
Kontakt
Impressum
Schauspiel 'Der Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat' im Schauspielhaus Bochum
„Der Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“ ist ein bewegendes Stück, zu sehen im Schauspiel Bochum. Es behandelt die schwierige Gefühlswelt Betroffener während des Aufkommens der Aids-Pandemie in den 80ern. Regie führte Florian Fischer.

Nicht nur die heutige Zeit ist eine Herausforderung. Für Homosexuelle waren die frühen 80er eine seelische Tortur. Das HIV-Virus nahm seinen Lauf und niemand war darauf vorbereitet. Medikamente stecken in den Kinderschuhen. Aids konnte sich in der betroffenen Bevölkerungsgruppe ungehindert ausbreiten. War man infiziert, so wurde man schnell zu einem Aussätzigen, um den man besser einen Bogen machte. Schon die Erklärung, homosexuell zu sein genügte, damit man nicht mehr körperlich wahrgenommen wurde. Man war stigmatisiert.

Das Stück erzählt vom Schriftsteller Hervé Guibert (Risto Kübar), der in den 80ern ausgiebig seine gleichgeschlechtlichen Beziehungen auslebt. Einer seiner Partner ist Jules (William Cooper), der an sich recht bald ungewöhnliche Hautflecken feststellt. Muzil (Thomas Huber) ist Philosoph und ein Freund von Hervé. Er genießt sein schwules Liebesleben heimlich in San Francisco. Bei ihm sind die HIV-Symptome schon weit fortgeschritten. Hervé dokumentiert sein Leiden fotografisch, das wie ein Siechtum erscheint. Alle haben Hoffnung auf Heilung, auf einen Impfstoff oder zumindest Linderung. Teilweise verdrängen sie die Symptome, verharmlosen sie. Auch die Pharma-Manager wittern das große Geschäft. Sie wollen an die gesundheitlichen Daten der Infizierten und versprechen ihnen die Aufnahme in wissenschaftliche Forschungsgruppen. Bill ist so einer, der mit falschen Versprechungen die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Schließlich stehen die behandelnden Mediziner ebenfalls vor einem Problem, pflichtbewusst zu helfen, es allerdings nicht zu können, weil Erfahrungswerte und Medikamente fehlen. Die Ärztin Dr. Chandi (Gina Haller) entwickelt in Anbetracht ihrer Ohnmacht alternative Behandlungsmethoden seelischer Art, die man auch als menschliche Nähe oder Zuwendung bezeichnen kann.

Schon die gemeinsame Bühnenpräsenz von Gina Haller und Risto Kübar ist ein Hochgenuss. Beide zählen zu den Top-Akteuren im Ensemble. Zusammen wirken sie stets sehr sensibel, wenn es um zwischenmenschliche Themen geht. Ist das Thema noch so schwierig, sie stellen es wunderbar dar. Zunächst jedoch geht es für heterosexuelle Besucher etwas ungewohnt los. Hervé und Jules sind häufig leicht bekleidet bis vollständig entblößt. Sie küssen sich und berühren sich teils unbekleidet. Ihr Liebesleben wird ausführlich dargestellt, allerdings ohne annähernd in einen Porno zu verfallen. Der vordere Lendenbereich wird stets geschickt und stilvoll verdeckt. Risto Kübar könnte mit seiner grundsätzlich sehr ruhigen Art und seinem angenehmen, estnischen Akzent die Emotionen erst gar nicht hochkochen lassen. Kommt er mal emotional aus sich heraus, verfällt er gleich wieder in seine baltische Kulturprägung, was ihn so besonders erscheinen lässt. Auch die Rolle des Hervé erfüllt er stilistisch mit dem Gegenentwurf eines Ruhr- oder Rheinländers, spielt den körperlichen Verfall und die seelischen Qualen hervorragend.

Was besonders deutlich wird ist, dass HIV-Positiven die menschlichen Kontakte in der Gesellschaft fehlten. Sie wurden mit ihrer Krankheit mehr oder weniger alleine gelassen. Hervé versucht sich durch die fotografische Dokumentation ein Bild von der Situation zu machen und weiß, dass er nicht dahinsiechen, sondern würdevoll sterben möchte. Er achtet genaustens auf jeden weiteren Schritt in Richtung Tod. Hier hat die Ärztin Dr. Chandi eine besonders schwierige Rolle, die Gina großartig mimt. Stets nachdenklich spendet sie Hoffnung und tut was sie kann. Als alle wissen, dass Hervé den Kampf verloren hat, kommt es zu einer ziemlich intimen Massage, als Zeichen der Menschlichkeit im Umgang mit HIV-Kranken. Beide versichern, sich gegenseitig zu vermissen. Sie ist es auch, die ihm das Siechtum wissentlich erspart, während ein Miniaturschaf auf der Bühne Blut lässt. Besser und berührender kann man das Ableben von Hervé wirklich nicht darstellen.

Selbst für heterosexuelle Besucher ist die Problematik der 80er im Umgang mit Aids ein spannendes Thema. Szenisch und schauspielerisch sind die Fragen vorzüglich umgesetzt und beantwortet. Weit über zwei Stunden ohne eine Pause hinterfragen wunderbar unseren Umgang mit Aids-Kranken, der sich heute deutlich entspannt hat, aber vor 40 Jahren von großer Unsicherheit geprägt war.

Datum: 17. November 2022

www.schauspielhausbochum.de