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Schauspiel 'Das Fest' im Grillo Theater
Mit der sehr fesselnden Inszenierung von „Das Fest“ behandelt das Schauspiel Essen einen harten Stoff, der so oder so ähnlich hinter nicht wenigen Fassaden passiert oder passieren kann. Das Thema sexueller Missbrauch in der Familie dringt nicht immer nach außen. Deshalb ist es so wichtiges und klasse Stück.

Wie es so ist, Vater Helge (Jens Winterstein) feiert seinen 60. Geburtstag und die Familie kommt zusammen. Erst kürzlich haben sie seine Tochter Linda (Trixi Strobel) zu Grabe getragen, ein Suizid. Trotzdem heißt es auf Wunsch des Vaters „hoch die Gläser“. Nichts soll seinen Festtag trüben. Zu einem runden Geburtstag gehört auch eine Ode auf den Vater, die dem ältesten Sohn Christian (Philipp Noack) vorbehalten ist. Zwei Reden hat er vorbereitet. Helge kann zwischen zwei Farben wählen und bekommt die bittere Familienwahrheit präsentiert, die so niemand wagt auszusprechen. Jetzt kommt es ganz offen auf den Tisch. Helge wird von Christian des sexuellen Missbrauchs an ihm und seiner verstorbenen Schwester Linda bezichtigt. Eine Schockstarre samt Empörung geht fortan durch die Familie. Christian wird als Lügner und Nestbeschmutzer beschimpft und als nicht erwünscht bezeichnet. Da kann auch der ernannte Toastmaster (Stefan Migge) als Spaßmacher und Witzeerzähler der Runde nichts mehr ändern. Der Abend geht seinen Gang und immer mehr Details aus dem Dunkeln kommen ans Tageslicht.

Sehr geschickt hat Regisseur Karsten Dahlem den Stoff aufgebaut. Auf der Bühne befindet sich eine Wohnung. Eigentlich wollte das Theater sogar die Gäste in Saal ebenfalls mit einem Glas empfangen und in die Wohnung auf der Bühne einladen. Eine gute Idee. Man verwarf den Plan jedoch. So beginnt das Stück mit einem Live-Video der Vorbereitungen der Feierlichkeiten. Linda Schwester Helene findet einen Abschiedsbrief von Linda und lässt ihn verschwinden. Andere drängen auf gute Stimmung und Heile-Welt-Atmosphäre, insbesondere Vater Helge. Man möchte hinein blicken, bis sich der Bildschirm und alle Möbel endlich nach oben schieben. Das Chaos wird so optisch sichtbar. Während Christian die Wahrheit auf den Tisch legt, zofft sich Bruder Michael (Alexey Ekimov) aggressiv mit Helene (Sabine Osthoff), die ihre schwarze Geliebte Luzolo (Azizé Flittner) vorstellt. Das Thema Rassismus wird ebenso nicht ausgelassen. Wer gegen wen, das wird durch die einzelnen Figuren klasse herausgearbeitet. Wer ist oben und wer unten? Die Positionen verschieben sich im Laufe der Handlung. Helges Frau wird mit konkreten Anschuldigungen konfrontiert, weil Christian und seine Schwester Linda als anwesender Geist zusammenhalten und die Runde vorführen.

Alles Leugnen der Familiengeschichte nutzt nichts. Das Geschwisterpaar aus den Dies- und Jenseits räumt sehr geschickt mit den Lügen auf. Dabei spielt Trixi Strobel gekonnt mit ihrer Körpersprache und Mimik, denn Geister reden nicht mehr so viel. Man spürt, dass ihr sehr daran liegt, die Wahrheit durch ihren Bruder aufzutischen, der seinen Vater sogar als Mörder bezeichnet. Erst ganz am Ende erkennt Helge, dass nichts nützt, seine Schuld zu leugnen. Die anderen entschuldigen sich dafür, dass sie zum Wohle der Familie nie etwas sagen durften.

Es ist ein sehr berührendes Stück mit Schockmomenten. Ein solcher Stoff ist nicht einfach zu spielen. Alle Akteure bringen die Tragik dieser Familiengeschichte schauspielerisch ausgezeichnet rüber. An diesem Abend geht auf keinen Fall einfach so nach Hause.

Datum: 27. August 2022

www.theater-essen.de