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'Extraschicht' 2022 im Ruhrgebiet
Viele Menschen waren wieder unterwegs. Die 20. „Extraschicht“ im Ruhrgebiet konnte endlich stattfinden, an 43 Orten in 23 Städten. Man experimentierte etwas. Dafür, dass es die erste Ausgabe nach der Pandemie war, konnte man die Nacht durchaus als Erfolg werten, auch wenn die Nacht dieses Jahr für viele zu kurz angesetzt war.

Der größte Kritikpunkt vielleicht gleich zuerst. Es ist traditionell die „Nacht(!) der Industriekultur“. Bis zu vier der 43 Orte kann man dann durchaus entdecken. Bei dieser Ausgabe musste man allerdings einen Standort weniger einplanen. Die Veranstalter von Ruhr Tourismus hatten die Startzeit von 18 auf 17 Uhr vorverlegt und das Ende ebenfalls um eine Stunde verkürzt, auf 1 Uhr. Wie erwartet, war zu Beginn eher tote Hose angesagt. Selbst erfahrene Veranstalter vor Ort starteten einige Programmpunkte bewusst erst ab 18 Uhr. Man traute dem neuen Konzept nicht. Wie immer wurde es mit der blauen Stunde, so ab 22 Uhr, erst so richtig kuschelig und atmosphärisch. Bis dahin konnte man sich die hellen Stunden mit dem Besuch von Ausstellungen, Musikdarbietungen oder am Bierstand vertreiben. Auch für den Verzehr einer Currywurst benötigt man keine vorgezogene „Extraschicht“. Hatte man dann drei Standorte, einen im Hellen, und zwei im Halbdunkeln/Dunkeln besucht, fehlte schlicht die Zeit für einen vierten Standort. So wurde die Tour ab 22 Uhr zu einem schnellen Event-Hopping mit möglichst vielen Illuminations-Effekten, ohne dabei die Atmosphäre vor Ort jeweils aufzusaugen. Als Minus war außerdem das fehlende, gedruckte Programmheft zu verspüren. Die Digitalversion hatte nicht alle Angaben zu den Anfangszeiten einiger Programmpunkte, war so teilweise wertlos. Die „Extraschicht“ als entspannte Gesamtatmosphäre bekam so einige Kratzer ab.

Wie hat die Redaktion die zu kurze Nacht erlebt? Der Beginn war eine echte Pleite. Warum nicht mal einem kleinen Exoten als Startpunkt eine Chance geben? Ab zur „Eloria Erlebnisfabrik“ nach Bottrop, besser bekannt als das ehemalige „Grusellabyrint NRW“. Wie sieht es nun dort aus? Hier gibt es einen großen Parkplatz, doch die Einfahrt war durch den Personeneinlass bewusst versperrt. Auf dem alternativen Parkstreifen der Straße hatten die Anwohner ihre Fahrzeuge geparkt. Offensichtlich lief es hier es organisatorisch ganz schlecht.

So blieb nur noch die spontane Flucht nach Zollverein, dem Standort, wo jedes Jahr ein gutes und ausführliches Programm zu erleben ist. Da macht man nichts falsch, ist aber auch kein neuer Standort. Um 17.30 Uhr war hier erwartet wenig los. Also ab in die Emscher-Ausstellung in der Mischanlage der Kokerei Zollverein. Drinnen genossen mehr Leute vom Aufsichtspersonal als Besucher die wunderschönen Räumlichkeiten. Das Dach war als Aussichtspunkt leider verschlossen. Dafür konnte man im Werksschwimmbad bei einer DJane und einem Trompeter etwas chillen. Der Andrang auf die Liegestühle war entspannt. „Extraschicht“-Stimmung kam noch lange nicht auf.

Auf den Fußweg zur Zeche Zollverein war bei der Folkwang Universität der Künste laute und vergnügte Partystimmung zu vernehmen. Also mal neugierig hin und gucken. Der Jahresrundgang mit Arbeiten von StudentInnen war ein erster WoW-Point des Abends, obwohl nicht im offiziellen „Extraschicht“-Programm enthalten. Wie studiert man Produktdesign oder Fotografie und welche Ergebnisse hat man geschaffen? Ob Erstsemester oder fortgeschritten, es war richtig spannend und großartig zu sehen, wie kreativ die jungen Leute denken. Jede Ausgabe der „Extraschicht“ hat auch einen Soundtrack, also einen Song, der einem plötzlich über den Weg läuft und nicht mehr aus dem Kopf will. Hier fand man ihn. Richtig klasse hatte man in der Uni einen kleinen Duschraum mit Lichteffekten, Laptop und Boxen zu einer Karaoke-Dusche umfunktioniert. Richtig toll gemacht! Lauthals tönte dort „Heroes“ von David Bowie schon über den Flur und ging nicht mehr aus dem Kopf. Schön auch die wunderbar poetischen Gedanken an einigen Treppenstufen im Foyer. Eine „Fast 24jährige“ (Studentin?) formuliert darin herrlich das Ende ihrer Jugend und den Beginn ihres Lebensherbstes. Wie schön war es doch mit 17, im Arm des Liebsten, unter dem Sternenhimmel die Nacht durchzumachen. Ihr Bier ist nun alle, aber sie hofft doch noch, dass ihr ab und an mal die Sonne scheint. Die zufälligen, kleinen Aha-Momente sind oft die einprägenden. Hier lässt es sich offenbar mit viel Spaß und einem weit offenen Horizont studieren.

Mit winterlichem Selbstgefühl ging es fußläufig zur Zeche Zollverein. Hier vollführte ein Artist an einer Pole-Stange, die an einem sich bewegenden Roboter befestigt war, sehenswerte Kunststücke. Eine Ausstellung zu europäischen Gesichtern führte auch mal in interessante Räumlichkeiten, die man sonst weniger sieht oder noch nie gesehen hat. Beliebt war das das Dach der Kohlenwäsche aus Aussichtspunkt. Der Erich-Brost-Pavillon wurde leider nicht bespielt, schade. Vor der Gangway hinauf in die Kohlenwäsche gab es keine sonst üblichen Warteschlangen. Die Besuchermassen waren überschaubar.

Dunkel war es noch nicht, also weiter zum zweiten Standort, dem Nordsternpark in Gelsenkirchen. Lieber sichergehen, als einen weiteren schlecht organisierten, kleinen Standort zu erleben. Die ehemaligen Bergleute im Besucherstollen erklärten den Gästen in ihrem Besucherstollen, wie es damals so war. Ihr Verein besteht aber leider nur noch aus zwei betagten Bergleuten. Der Rest ist verstorben oder zu alt. Nachwuchs ist nicht in Sicht. Die Kohle gerät im Revier zu schnell in Vergessenheit. Angekündigt wurde aber eine Lasershow mit Feuerwerk im Amphitheater. Hin! Das Warten hatte sich gelohnt. Es wurde eine großartige Show mit einer sensationellen Choreografie und passender Musik, als hätte man bekannte, grafische Elemente von Pink Floyd zum Leben erweckt. Die Show war der geniale Höhepunkt der Nacht. Etwa gut ein Drittel der sonst im Nordsternpark verweilenden „Extraschicht“-Besucher wurden dieses Jahr im Besucherstollen gezählt, ein interessanter Richtwert. Für den reizvollen Besuch auf dem, vom Weitem erkennbar, relativ menschenleeren Nordsternturm war nun leider keine Zeit mehr, denn es wurde in Oberhausen eine besondere Illumination versprochen.

Diese war auf der Fassade der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu erleben. Hier zückte jeder Kamera oder Handy, selbst der Busfahrer des Shuttlebusses. Drinnen war die sehr schöne Fotoausstellung zu Linda McCartney zu erleben, Führungen inklusive. Warum allerdings auf dem nahezu fast leeren und dunklen Innenhof ein DJ Musik auflegen sollte, erschloss sich nicht. TänzerInnen fanden sich keine. Man hatte Mitleid mit dem einsamen Herrn.

Für eine vierte Station in der Nähe war nun keine Zeit mehr. Es war 1 Uhr und das von Ruhr Tourismus verordnete, frühzeitige Ende der Nacht erreicht. Ein letzter Blick von Slinky über den nächtlichen Rhein-Herne-Kanal musste genügen.

Es war eine Nacht mit absoluten Fixsternen, Überraschungen und doch einigen Wiederanlaufschwierigkeiten für Veranstalter und Standorte. Gefühlt waren auch deutlich weniger Shuttlebusse und Menschen unterwegs. Das Jahr Eins nach der Pandemie hat die Probleme für Kulturschaffende und Besucher offengelegt. Die „Extraschicht“ 2023 wird aus den Fehlern dieses Jahres vielleicht und hoffentlich lernen.

Datum: 25. Juni 2022

www.extraschicht.de