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Schauspiel 'Extrem laut und unglaublich nah' im Schauspiel Essen
„Extrem laut und unglaublich nah“ lautet der ungewöhnliche, aber sehr passende Titel eines exzellent inszenierten Schauspiels im Grillo Theater, das einen regelrecht in Sitz drückt. Tiefgreifend geht es um die Geschichte eines 8jährigen Jungen, der bei 9/11 in New York seinen Vater im einstürzenden World Trade Center verloren hat und mehr wissen möchte.

Die Geschichte ist unheimlich gut von Jonathan Safran Foer verfasst und im Grillo Theater als Bühnenfassung klasse umgesetzt. Es geht in der Hauptsache um Oskar, der wegen des Terroranschlags am 11. September 2001 von der Schule nach Hause geschickt wird. Dort hört er die verzweifelten Anrufe seines Vaters Thomas Schell auf dem Anrufbeantworter, der in den oberen Stockwerken des World Trade Centers fest sitzt und auf die Feuerwehr wartet. Oskar ist alleine und nicht in der Lage abzunehmen. Anschließend kauft er das gleiche Modell des Telefons und tauscht es aus, damit seine Mutter davon nichts mitbekommt, wenn sie von der Arbeit kommt. Das Modell mit den Nachrichten versteckt er. Es kommen jedoch schnell Gewissensbisse auf. Zudem findet Oskar in einer Vase einen Schlüssel. Kann dieser ihm mehr über seinen Vater erzählen? „Black“ steht auf dem Umschlag, doch Menschen mit dem Namen Black gibt es in New York über 400. Trotzdem macht er sich auf den Weg. Wer oder was steckt hinter diesem Schlüssel?

Es ist allerdings nicht die Geschichte von 9/11. Es ist das Datum als Ausgangspunkt, denn die Familie ist von Schicksalsschlägen und nicht verarbeiteten Erinnerungen gezeichnet. Oskars Großeltern lebten in Dresden, als die Stadt im Zweiten Weltkrieg ein Feuerinferno erlebte. Viele starben auch in Oskars Familie. Es dreht sich um Großmutter, ihre in Dresden gefallene schwangere Schwester, deren Freund und ihren Ex-Mann, der sich von ihr trennte, als sie schwanger wurde. Die Geschichte spielt auf verschiedenen Zeitebenen und in drei Erzählsträngen, die man alle gut auseinanderhalten kann. Ist das Leben schwieriger als der Tod?

Man kann den Stoff als exzellentes Psychogramm einer von plötzlich auftretenden Schicksalsschlägen gebeutelten Familie einordnen. Oskar ist mittendrin und kaum aufzuhalten. Die Suche nach dem Geheimnis des Schlüssels ist für ihn eine gewisse Nähe zu seinem verstorbenen Vater, um seine Gefühlswelt zu verarbeiten. Da kann auch der Psychologe nicht helfen, nur Oskar sich selbst. Er agiert sehr feinfühlig und zielgerichtet, lernt unterwegs viele spannende Menschen kennen. Mutter lässt ihn gewähren. Am Ende haben sich beide viel zu erzählen.

Schauspielerisch hat die Inszenierung von Thomas Ladwig ein wahre Traumbesetzung zu bieten. Als Küken darf Trixi Strobel als Oskar ran, was sie hervorragend macht. Diese spezielle Gefühlswelt eines Kindes darzustellen, welches seinen Vater verloren hat, ist nicht einfach. Hut ab! Großartig ist Rezo Tschchikwischwili nicht nur, wenn er die Bombennacht von 1945 in Dresden in Worte fasst. Jan Pröhl, der mehrere Rollen inne hat, und Janina Sachau als Großmutter gehören zu den großen Köpfen des Ensembles. Beide können glänzen und kommen langsam in ein Alter, wo sie auch die ältere Generation klasse mimen können. Als Stimme von Thomas Schell auf dem Anrufbeantworter kommt auch noch der stets spannende Stefan Diekmann zu Wort. Die kleine Casa erlebt ein Staraufgebot. Einen Kurzauftritt hat Olga Prokot. Ein dickes Lob geht natürlich auch am das Bühnenbild von Ulrich Leistner, welches die Atmosphäre sehr gut transportiert.

Datum: 6. März 2022

www.theater-essen.de