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Schauspiel 'Das Gesicht des Bösen' im Grillo Theater in Essen
Mit „Das Gesicht des Bösen“, von Nis-Momme Stockmann, hält das Grillo Theater vielen Mitbürgern auf eine sehr überzeichnete Art einen Spiegel vor. Unter der goldenen Sonne des Kapitalismus ist das Streben nach Macht, beruflicher Anerkennung oder Geld weit verbreitet. Reduziert auf die räumlichen Gegebenheiten in einem feststeckenden Aufzug wird unser Denken besonders krass auf die Probe gestellt.

Um dem Stück eine sichtbare Allgemeingültigkeit zu geben heißen die beiden Hauptdarsteller schlicht Schwarz und Blau. Stefan Migge und Jens Winterstein sind zwei einfache Archivare eines Rüstungskonzerns. Eines Abends sollen sie streng geheime Akten in einem Koffer in die 86. Etage bringen, wo der Vorstand tagt. Zumindest Schwarz wittert seine große Karrierechance und schmeißt sich in Schale. Leider bleibt der gläserne Aufzug, mit Sicht auf die Straße, mittendrin stecken. Die schnelle Karriereleiter erfährt ein jähes Ende, auf das die beiden unterschiedlich reagieren. Es endet in einem sinnlosen Drama.

Diese Unterlagen müssen wirklich sehr geheim sein, denn Schwarz hat sich den Metallkoffer sogar mit Handschellen ans Handgelenk gekettet. Blau sieht das alles wesentlich entspannter, möchte sogar mal hineinblicken. Wenn Menschen, die schnell nervös werden, auch noch ein sich wiederholendes Geräusch vernehmen, rasten sie aus. Das Quietschen der Schuhe von Blau nervt ihn so sehr, dass er befielt sie auszuziehen. Als dann auch die Aufzugmusik nicht enden möchte, wird es mit ihm immer schlimmer, während Blau seinen „Mitgefangenen“ beobachtet und mit Kommentaren pikst. Die Luft im Aufzug wird nicht nur zwischenmenschlich immer dünner. Zwischendurch fragt mal die Vorstandsetage per Ruftaste an, wo denn Unterlagen bleiben. Man redet bewusst aneinander vorbei, von oben kühl analysiert. Auf keinen Fall dürfen die Unterlagen in die Hände der Polizeibeamten fallen, die gerade das Firmengebäude u. a. auch deswegen durchsuchen. Im steckengebliebenen Fahrstuhl sind sie sehr sicher, was zur Zuspitzung der Situation im Aufzug führt. Jeder menschliche Anstand geht verloren.

Es ist ein spannendes Psychogramm zweier Charaktere. Während Blau sich realistisch als einfacher Archivar betrachtet, der einen Botenjob verrichtet, möchte Schwarz rasant seine Chance nutzen, bloß nichts verpassen und sich immer von seiner gespielt irrealen Seite präsentieren. Er ist der Macher. Man kennt dieses Verhalten aus Wirtschaft, Sport und Politik und teilweise auch aus der Kultur. Die atemlose Ich-AG hat viele Gesichter.

Als Raum für ein solches Verhalten kennen wir den Kapitalismus. Er ist uns gut vertraut. Eine Alternative scheint es nicht zu geben. Sozialismus, Kommunismus oder eine Diktatur kennen wir aus der Geschichte. Die Erziehung hat in jungen Jahren offenbar großartig funktioniert. Das System Kapitalismus hinterfragen wir schon gar nicht mehr. Hier kommt die Figur der Autorin, ebenfalls sehr gut dargestellt von Janina Sachau, ins Spiel. Sie zeigt den ZuschauerInnen einen Spiegel, in den man schauen muss. Der räumliche Kontakt zwischen SchauspielerInnen und den Gästen ist in der Casa besonders nahe. Sie zeigt die globalen Vernetzungen und Ziele der Kapitäne des Kapitalismus auf. Was ist wie miteinander verbunden? Welche Rolle spielen wir kleinen Mitbürger? Pflegen wir eine bewusst gewollte Selbstausbeutung? Das szenische Beispiel eines Rüstungskonzerns ist dabei besonders drastisch.

Es ist ein Stück, dass den Kapitalismus und unser damit verbundenes Verhalten drastisch auf zwei mal zwei Metern Aufzugsfläche befragt. Man muss den Hut vor den großen, schauspielerischen Leistungen ziehen, denn es gibt nicht nur Emotionen zu erleben. Regie führte Tobias Dömer.

Datum: 15. November 2022

www.theater-essen.de