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Schauspiel 'Der Besuch der alten Dame' im Schauspielhaus Bochum
Das Schauspiel Bochum präsentierte mit „Der Besuch der alten Dame“ einen Klassiker sehr gelungen in einem ganz neuen Gewand. Die Inszenierung von Schauspiel Zürich kommt mit lediglich zwei SchauspielerInnen und einer Musikerin aus. Regie führte Nicolas Stemann.

Grund dieser Aufführung ist eine Übereinkunft zwischen dem Schauspiel Bochum und dem Schauspiel Zürich. Erfolgreiche Stücke wandern für ein paar Termine auch mal an das andere Haus. So standen Sebastian Rudolph und Patrycia Ziolkowska aus dem Züricher Ensemble in Bochum auf der Bühne, in über 30 Rollen und mit dem nahezu originalen Text. Die Musikerin Camilla Sarksss hatte sich einige Tagen zuvor mit dem Virus infiziert und konnte nur per Video-Stream von zuhause live mit dabei sein, was der Sache keinen Abbruch tat. Man hätte es nicht gemerkt, hätte Regisseur Nicolas Stemann es dem Publikum nicht vorher mitgeteilt.

Es ist eine oft inszenierte Geschichte um Schuld, Verdrängung, Gier und vermeintlicher Gerechtigkeit. Claire Zachanassian kommt zurück nach Güllen, wo sie einst ein Verhältnis mit Alfred Ill hatte. Nach Bekanntwerden der Schwangerschaft trennte er sich von ihr. Güllen ist mittlerweile ein notleidendes Dorf, das Hilfe gut gebrauchen kann. Die Geschichte ist bestens bekannt. Claire bietet viel Geld für die Rache an Ill.

Im Saal werden auch die Besucher Bürger von Güllen. Sie werden von den beiden Akteuren angesprochen und um ihre Meinung gefragt. Soll man wirklich Ill ermorden, um mit einer Milliarde Wohlstand ins Dorf zu bringen? Kann Gerechtigkeit auch blutige Rache tolerieren? Erwächst daraus nicht eine neue Sünde? Die Scheinheiligkeit der Bürger, als sie beteuern, Ill niemals dem Mörder auszuliefern, ist allen Beteiligten klar. Zwar feiert Ill noch seinen neuen Geburtstag, doch bald setzt der Kaufrausch auf Pump ein, lauter gelbe Schuhe liegen auf der Bühne. Manche glitzern golden oder machen sich äußert schick am Fuß. Verzichten möchte man darauf nicht mehr. Der gewünschte Wohlstand erstrahlt in Sonnenfarben. Bei Ill vernimmt man eine immer stärkere Nervosität, während Claire aalglatt ihr Geld sprechen lässt, oft unsichtbar in einem leeren Schaukelstuhl sitzend. Sie hat sie alle in der Hand und kennt den Verlauf der Geschichte. Unausweichlich kommt es im Stadtrat zu entscheidenden Zahltag. Was meint das Publikum? Es ist völlig egal. Man giert nach dem Geld.

Es ist verblüffend wie nur zwei Personen die ganze Handlung so klar und unmissverständlich auf die Bühne bringen. Durch kleinste Veränderungen der Stimme, der Kostüme, der Körpersprache oder der Kommunikation wechseln sie die Rollen spielend. Man hält es kaum für möglich. Dabei wirkt die Bühne niemals mit Requisiten überfrachtet, ganz puristisch mit lauter gelben Schuhen. Hinzu kommt ab und zu Musikerin Camilla Sarksss an ihrem elektronischen Mischpult zu Ehren. Sie unterstützt durch getragene oder pulsierende Klänge die Dramatik der Handlung. Der teilweise Techno ähnliche Sound wirkt bedrohlich oder er lässt die Problematik in den Hintergrund treten, je nach Sichtweise.

Auch wenn der Stoff aus den 1950er Jahren stammt, so ist er immer wieder hochaktuell. Verführungen von Investoren, die mit Arbeitsplätzen locken und dabei die Umwelt links liegen lassen, haben schon viele Stadträte beschäftigt. Wer möchte, der fährt einen dicken SUV oder spielt Golf auf einem ökologisch wenig wertvollen Golfplatz. Deutschland kauft sogar billiges Gas aus Russland. Die Verführungen begegnen uns an allen Ecken und Enden des Lebens. Wir müssen uns ständig entscheiden und unser Handeln moralisch dabei hinterfragen. Häufig verdrängen wir die negativen Aspekte. Wird schon gut gehen. Na ja.

Datum: 2. März 2022

www.schauspielhausbochum.de