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Schauspiel 'Aufruhr' im Grillo Theater Essen
Mit der grandiosen Uraufführung von „Aufruhr“ setzt das Grillo Theater in Essen einen dicken Paukenschlag. Dieses hervorragend inszenierte Stück ist ein gesellschaftliches und kriminalistisches Theaterspektakel in einem völlig neu konzipierten Bühnenraum. Die Bühnenregie hatte der in Essen immer wieder gern gesehene Volker Lösch, die Filmregie Christine Lang.

Die bislang recht unglückliche Spielzeit am Grillo Theater macht ein Stück vergessen. Volker Lösch ist bekannt für Stücke mit bissiger Gesellschaftskritik, sozialen Gedanken und klarer Kante. Damit ist er im Ruhrgebiet und im Grillo genau richtig. Hier spricht man seine Sprache, hier versteht man ihn. Mit „Aufruhr“ blickt er in die Geschichte, zeigt Gegenwart und eine möglich Zukunft.

Die Story ist einfach, kein Kind unserer Zeit. Da gibt es einen Oberbürgermeister, einen nicht so schönen Norden einer Stadt, internationale Investoren und eine profitsüchtige Bauunternehmung. Schon in Paris hat man damals großflächige Stadtmodernisierung betrieben, warum nicht auch im Essener Norden. Geht es nach Oberbürgermeisters Kühn (Stefan Migge), Investorin van Velt (Janina Sachau) und Bauunternehmerin Haussmann (Laura Sundermann), so wird der gesamte Essener Norden dem Erdboden gleichgemacht. Selbst das Welterbe Zollverein ist nicht mehr auf den Plänen zu sehen. 140.000 neue Wohneinheiten für 280.000 Bürger sollen inmitten futuristischer Architektur, künstlichen Grünanlagen und autonom fahrenden Fahrzeugen entstehen, die strahlende Stadt der Zukunft, oder wie es das Marketing der Investoren nennt, „Essen 5.0“. 2025 soll alles fertig sein. Die Stadt soll glänzen, die Bergbaugeschichte ausradiert sein. OB Kühn sieht schon die neidischen Blicke anderer Bürgermeister und schwingt Reden, wie sie Politiker gerne loslassen, Phrasen und leere Versprechungen inklusive. Blühende Landschaften für seine Stadt! Dafür trommelt er mit. Die Hauptsache ist, dass es überzeugend, rosarot, betont formuliert und rhetorisch gekonnt klingt. Für Kühns Träume bekommen die geldgierigen Investoren sogar die halbe Stadt fast geschenkt, perfekt für den eigenen Fototermin auf neuen, grünen Boulevards.

Manchmal ist es aber so, dass so mancher Politiker kein guter Schauspieler ist. Kühns Pläne werden von den betroffenen Bürgern durchschaut und gekreuzt. So setzen sich auch die Bürger im Essener Norden kritisch zur Wehr. Sie wollen nicht aus ihren Häusern und Wohnungen vertrieben oder enteignet werden. Das ist ihre Heimat, wo sie pünktlich ihre Miete bezahlen und dafür im Essener Süden putzen gehen. Was die 20.000 versprochenen Sozialwohnungen betrifft, so glauben sie den Verantwortlichen kein Wort, schließlich werden sie als linke Terroristen oder Tiere tituliert. Ihnen ist klar, dass es sich hier nur um den dicken Profit dreht, der mit für viele unbezahlbaren Mieten einher geht. Sie selbst sind nicht mehr schön und reich genug für einen OB, der als Marionette der globalen Finanzwirtschaft ein armseliges Dasein fristet. Der Widerstand formiert sich, erst im Web, ehe es richtig hart zur Sache geht und Blut fließt. Die Revolution nimmt ihren Lauf.

Eine klasse Idee ist die Sitzanordnung im Saal. Zehn Leinwände umgeben den Zuschauerraum, wo man auf 360°-Drehhockern sitzt, also mitten im Geschehen und als Teil der Szenerie. So erlebt man die dramatische Entwicklung besonders intensiv. Dabei switschen die Szenen immer wieder. Mal befindet man sich im besetzten Haus, mal am Flughafen oder in der weißen Villa der Bauunternehmerin, oder bei den Protestlern aus dem Norden, die von untertage aus sehr geschickt die Stadt lahmlegen. Sie diskutieren, ob und wie viel Gewalt man anwenden darf. Filmisch wird eingeleitet und vertieft dargestellt, was sich anschließend live zwischen den Besuchern abspielt. Die Szenerie im Saal ist besonders eindrucksvoll. Ein Extra-Lob an die Technik, die Großes leistet.

Zwischendurch kommen immer mal wieder junge Aktivistinnen und Aktivisten filmisch zu Wort. Sie erzählen von ihren Idealen und Gedanken in Sachen Umweltschutz oder Kapitalismus. Man hört ihnen gebannt zu und muss nicht selten zustimmend nicken. Sie berichten von brutalen Polizeiaktionen bei Demos gegen unbewaffnete Demonstranten oder ziehen berechtigte Verbindungen zum Braunkohletagebau von RWE. So kommt der Polizei eine auffällig negative Rolle zu. Polizeikommissar Reich (Philipp Noack) verkörpert den skrupellosen „Bullen“, der ausländerfeindlich, rassistisch agiert, mit Panzerfaust und Maschinenpistole links und rechts gleichzeitig martialisch hantiert, von Krieg spricht und selbst vor einem Mord nicht zurückschreckt. Dieser Menschen verachtende Ton erinnert stark an die AfD oder an Reichsbürger. Reich ist die Gewaltinstanz der Regierenden und Investierenden, mit Schlagstock und brutalen Griffen. Vom Hambacher Forst ist bei den jungen Aktivisten sehr treffend die Rede. Einige waren selbst dort und haben die Realität erlebt.

Das Stück ist tatsächlich ein Sinnbild unserer Zeit. Entscheider in Landesregierungen und Kommunen befinden sich im Würgegriff des gierigen Kapitals. Turbokapitalisten bestimmen unsere Welt. Die Zusammenhänge werden dem Publikum ausgezeichnet vermittelt. Es kann kein ständiges Wachstum geben. Wer als Regierender die Meinung der Bevölkerung übergeht, der muss mit Konsequenzen rechnen oder rhetorisch mit Lügen und wechselnden Meinungen herum eiern.

So haben die jungen Aktivisten per Film das letzte Wort. Sie zeigen Alternativen zum Kapitalismus auf, schlagen eine bedarfsorientierte Wirtschaft vor, sprechen von Genossenschaften. Entscheidungen sollen von unten nach oben getroffen werden. Regionale Räte können die zentralistische Struktur ersetzen. Insgesamt wünschen sie sich ein echtes Mitsprachrecht für die Bevölkerung. Es sind interessante Ideen dabei. Würde man sie umsetzen, wäre die Politikverdrossenheit vielleicht nicht so groß. Einfach mal den jungen Leuten zuhören und nicht den angeblich besserwissenden Regierenden spielen.

Szenisch und schauspielerisch kann man diesen extrem spannenden Stoff nicht fesselnder vermitteln, ganz große Klasse. Dabei sind einige Rollen glänzend besetzt. Jan Pröhl als Bergmann Grube und Janina Sachau als Investorin, die versucht, allen so herrlich leichtfüßig auf der Nase zu tanzen, sind großartig besetzt. Mit Laura Sundermann und der jungen Anna Bardavelidze sind zwei interessante, neue Gesichter dabei. Auch der Rest überzeugt zu hundert Prozent in den durchweg intensiven und emotionalen Rollen. Wut, Aufbruch, Verzweiflung und Entschlossenheit nimmt man den Figuren zu jedem Zeitpunkt ab, egal auf welcher Seite sie stehen.

Datum: 17. Dezember 2021

www.schauspielhausbochum.de