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Schauspiel 'All the Sex I’ver Ever Had' im Schauspielhaus Bochum
„All the Sex I’ver Ever Had“ heißt in den Kammerspielen im Schauspielhaus Bochum. Die Adaption dieses international gefeierten Stücks kann auch mitten im Revier überzeugen, ein toller Abend mit sechs Menschen zwischen 65 und 76 Jahren, die sehr persönliche Momente aus ihrem Leben preisgeben. Regie führte Jana Eiting.

Zunächst beginnt der Abend mit einem Schwur auf Tana Schanzara, der unvergessenen Grand-Dame des Hauses, dass alles hier erzählte auch hier bleibt. Ein paar allgemeine und nicht persönliche Zeilen erlaubt sich die Redaktion dann doch, denn ein solch überzeugendes Stück muss eine öffentliche Belobigung erhalten. Mit dabei sind Dorothea, Maria Goeke, Johannes Persie, Jacques Scheewe, Josef Schürmann und Christel Wolf.

Sie stammen aus Offenbach, Quedlinburg, Duisburg, Dorsten oder Stollberg und haben sich auf einen Aufruf hin beworben. In einem ausführlichen Casting wurden sie ausgewählt, um ihr Leben in kleinen Ausschnitten auf der Bühne zu erzählen. Dabei kramten sie auch in den Ecken ihres Lebens, die noch Schmerzen verursachen. Für sie war ein Weg, um auch die dunklen Zeiten zu verarbeiten und auch die freudigen mit dem Publikum zu teilen, in dem auch durchaus Zuschauer Anfang /Mitte 20 sitzen, denn lernen kann man von dieses lebenserfahrenen Rentnern eine Menge. Die Macher dieser Produktion sind übrigens zwischen 21 und 37 Jahren.

Nach der kurzen Vorstellung und den Klängen von „Lili Marleen“ geht es chronologisch los. Stichwortgeber Max Kotzmann ruft das Jahr 1945 auf, alle weiteren folgen. Wer von den Sechs etwas zu sagen hat, der teilt seine Erfahrungen mit dem Publikum. Es geht um erste Erinnerungen, wie man nackt mit den Nachbarskind im Garten gespielt hat, unschuldige Momente des Glücks und sexueller Missbrauch im Ferienlager. Irgendwann kam der erste Lehrer, in den man verliebt war oder der erste Kuss. Aufklärung war auch so ein Thema, besonders auf einer katholischen Nonnenschule. Selbst erotische Gedanken waren hier verboten. Das Aufklärungsbuch lag aber heimlich unter dem Kissen. Die Bravo wusste ebenfalls eine ganze Menge. Man feierte eine Tanzparty im elterlichen Wohnzimmer. So traf man sich im Auto, um sich körperlich leidenschaftlich auszutauschen. Die Eltern haben allenfalls geahnt, was ihre heranwachsenden Kinder so probierten.

Es folgten Beziehungen mit spektakulären Vulkanausbrüchen in Reihe, wobei man nicht immer zwischen Liebe und Sex unterscheiden konnte. Unter der verzaubernden Discokugel wurden Kontakte geknüpft oder in den Dünen geknutscht. Das Bäumchen-wechseldich-Spiel pflegte man sehr. Den Mann oder die Frau fürs Leben fand man auch. Wenn er dann auf dem Tennisplatz per Herzinfarkt in den Himmel fuhr, so fand sich, trotz des Schocks, ein neuer Traummann. Andere lebten sich auseinander, trennten sich und fanden neues Glück. Besonders die Männer schildern ihre sexuellen Erlebnisse recht deutlich. Johannes hat sich sehr spät im Leben gleichgeschlechtlich orientiert und gibt Einblicke in die Schwule Liebe.

Es ist nicht nur das sexuelle Glück, das thematisiert wird. Die tiefen Einschnitte werden nicht vergessen. Ob Aids, Krebs oder andere Einschläge, bei sich selbst oder im nahen Umfeld, spart man nicht aus. Suizidversuche, Alkoholsucht und Depressionen sind seit Jahrzehnten ein Tabu-Thema. Hier auf der Bühne werden solche Themen als Denkanstoß sehr gut angerissen.

Manchmal wird gerne mal das Publikum mit einbezogen. Fragen nach der Art der Aufklärung oder einem Ort mit außergewöhnlichem Sex wurden gut angenommen. Sex im Nadelwald war jedenfalls unvergessen. Besonders die älteren Semester redeten gerne mit. Nur bei Frage nach der Praxis der Seitensprünge hielt man sich bedeckt. Alle waren offenbar immer treu.

Zwischendurch wird Musik eingespielt. Songs wie „Let's twist again“, „Er gehört zu mir“ oder Madonnas „Hang up“ sind Generationen bekannt. Bei Grönemeyers „Flugzeuge im Bauch“ wurde einem ganz anders und besonders bewusst, in welchem Theater man gerade saß, auch wenn die Kammerspiele 1984 wahrscheinlich noch nicht existierten. Eurodance oder die 2020er waren ebenfalls dabei. Musik ist der Soundtrack eines Lebens. Jeder fand sich hier wieder, auch die sechs Erzähler auf der Bühne, die gerne mal dazu tanzten.

Bei diesem Stück ist es üblich, dass die sechs Senioren sich nach der Vorstellung im Foyer mit den Besuchern treffen. Es fand ein reger Austausch statt.

Datum: 19. September 2021

www.schauspielhausbochum.de