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Schauspiel 'Das achte Leben' im Grillo Theater
Mit „Das achte Leben“ zeigt das Grillo Theater ein politisches Familiendrama nach dem Roman von Nino Haratischwili. Es geht um die tiefen Schatten des Sozialismus und die Auswirkungen auf die Gesellschaft am Beispiel von Russland und Georgien. Regisseurin Elina Finkel hat den harten und topaktuellen Stoff tatsächlich meisterhaft auf die Bühne gebracht. Ganz große Klasse.

Tiflis, Georgien, hier spielt der vierstündige Familienepos der sechs weiblichen Figuren, die mit einem Fluch leben müssen. Die lange Spieldauer ist auch tatsächlich nötig, denn jede Generation kämpft mit ähnlichen Problemen. Der lange Arm Moskaus hat zahlreiche negative Folgen, die als Gedankenpausen verarbeitet werden müssen. Alles beginnt mit Larissa und ihren Mann Ketevan, die Ende des 19. Jahrhunderts mit ihrer Schokoladenfabrik wirtschaftlichen Erfolg haben. Die Töchter Christine (Florians Kleinpaß) und Stasia (Ines Krug) werden geboren. Als Stasia Simon Jaschi (Philipp Noack) heiratet beginnt das Unglück. Simon ist Moskau sehr verbunden und als Soldat ein überzeugter Anhänger der Sowjetunion. Ihr Sohn Kostja (Stefan Migge) kommt dem Vater sehr nahe, toppt ihn sogar noch, wenn es um nationales, sozialistisches Denken geht. Das sowjetische Staatsdogma hat er doppelt und dreifach verinnerlicht, ist bei der Marine und beim Geheimdienst, der im Stück eine wesentliche Rolle spielt. Seine weltoffene Schwester Kitty, verkörpert durch die stets großartige Janina Sachau, hat es also schwer. Sie ist eine Art Narr im Stück, der die Wahrheit kundtut, für Gerechtigkeit sorgen möchte und schließlich abgeschoben wird. Als Sängerin macht sie in Europa Karriere. Mit Elene (Sabine Osthoff) folgt eine nächste Generation, die es giftig und faustdick hinter den Ohren hat. Schließlich bilden Daria (Luzie Juckenburg) und Niza (Trixi Strobel) eine Generation, die die Kindertage noch gemeinsam genießt, aber auch wieder später auseinander driftet. Während auch Daria vom System tödlich gefressen wird, verkörpert Niza die Hoffnung auf eine positive Wende. Sie lässt Darias Kind Brilka (Laura Louise van Meurs) alle Freiheiten, um ein Leben mit Freude und Freiheit zu gestalten. Die jüngste Generation soll endlich aus den vorherigen lernen.

Szenisch und schauspielerisch ist das Gesehene ganz große Klasse, eine Top-Besetzung. Alle Figuren verkörpern sehr glaubhaft ihrer Denkweisen. Teilweise stellen sie sich bewusst gegen das System, wie der Filmstudent Miqa (Alexey Ekimov), der sogar den Tod im Knast sehenden Auges erwartet. Auch Andro schließt sich der kämpfenden Opposition an und landet im Gulag. Kostja macht in Moskau Karriere. Er erinnert an den Song „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten. Von der Familie nie wirklich verstanden, brüllt er alles zusammen, was nicht seinem Idealbild entspricht. Als Nationalist und Geheimdienstler kann er zwar auch seine Familie schützen, sorgt allerdings dafür, dass sie zerbricht, bis auch er schließlich vom sozialistischen System fallengelassen wird und die Abgründe erlebt. Für Stasia ist das Ableben zahlreicher Familienmitglieder durch den Tod an der Front, Lagermord, Folter oder einen Sprung vom Dach irgendwann Alltag. Ein Fluch hat die Familie erfasst, der politisch-gesellschaftlich gewollt ist. Der sowjetisch-russische Staat bedroht, verhaftet oder schikaniert jeden, der nicht kompromisslos die Ehre des Staates und seines politischen Systems hochhält. Keiner kann sich sicher sein. Das war vor über hundert Jahren schon so und ist im heutigen Russland noch immer so.

Die Geschichte verläuft, mittels eines sehr schönen Bühnenbild und toller Kostüme, gut nachvollziehbar durch die verschiedenen Jahrzehnte. Kitty freut sich im Londoner Zwangsexil über den Tod Stalins wie ein Kind. Auch die gemäßigten Präsidenten Jelzin und Gorbatschow finden Erwähnung, sind ein verglühender Hoffnungsschimmer. Der aktuelle Präsident Russlands wird hingegen mit keinem Mal namentlich erwähnt, jedoch wird seine brutale Schreckensherrschaft sichtbar gemacht. So leuchtet der rote Stern des nationalen Sozialismus Russlands am Ende nicht mehr rot, sondern in Gelb und Blau. Dabei tanzt Brilka in einem ebenfalls blau-gelben Pulli wild und frei um dieses Symbol herum. Der Herr des Kremls würde wutentbrannt aufspringen, würde er im Publikum sitzen. Die Videografie historischer Aufmärsche russischer Truppen, wie in Prag oder Tiflis, unterstützt optisch sehr gut die Inszenierung. Musikalisch wird das Stück exzellent begleitet. Klassische Klänge, Trommelwirbel oder melancholische Volksweisen wechseln sich ab. Wenn aber der wunderbare Rezo Tschchikwischwili zur Gitarre greift und ein georgisches Volkslied live anstimmt, gibt es sogar verdienten Szenenapplaus.

Das Stück packt die Zuschauer inhaltlich und szenisch. Die vier Stunden Spieldauer vergehen wie im Fluge und werden durch die eingebaute Erzählerin sehr gut verständlich. Interessant ist das Stück insbesondere für Geflüchtete aus der Ukraine, die momentan im Grillo Theater gegen Vorlage ihres Passes Freikarten erhalten. Eine Mahnung sollte es ebenfalls Menschen aus Lettland, Litauen, Estland oder anderen Staaten sein, die an Russland grenzen. Vor dem menschenverachtenden Teufel aus Moskau muss man acht geben.

Datum: 7. Mai 2022

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