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      Das Talkformat #halbzwölf mit ARD-Moderator Peter Großmann feierte seine
      10. Ausgabe mit einem ganz besonderen Gast, einer deutschen Musiklegende
      aus Köln. Wolfgang Niedecken beehrte das Welterbe Zollverein in Essen als
      sympathischer Talkgast, als Musiker und als immer wieder beeindruckende
      Persönlichkeit. Es entwickelte sich ein großartiger und sehr unterhaltsamer
      Mittagsplausch mit tollen Geschichten.

      Da war er nun, der Kopf von BAP und das mittags um halb Zwölf. Die Halle war
      restlos natürlich ausverkauft. Er zeigte sich informiert über das Ruhrgebiet und
      war sich bewusst, dass der Strukturwandel noch nicht abgeschlossen ist. Das
      einige Stunden vorher verkündete Ergebnis der SPD zur GroKo war ganz in
      seinem Sinne. Thematisch in Köln angekommen wurde es familiär. Als nicht
      geplanter Nachzügler sollte er eigentlich Robert heißen, doch der Vater
      befolgte auf dem Amt nicht Mamas Idee und nannte das Baby Wolfgang.
      In der Severinsgasse 1, direkt neben den Severinstor wuchs er auf, kannte
      dort jedes Fenster der Stadtmauer. Im Laden seiner Eltern galt es mit anzu-
      packen. Vater war sehr geizig und dafür auch ortsbekannt, fuhr bis in die 50er-
      Jahre einen alten Opel P4. Mutter dagegen steckte dem jungen Wolfgang auch
      mal ein Scheinchen bei, um sich eine erste E-Gitarre leisten zu können. Die
      japanische Kopie einer Gibson klang dann aber nicht besonders gut, kein
      guter Kauf. Der Anfang war aber gemacht.

      Kreativ war die Familie aber schon. Mutters Vater war Kirchenmaler. Die Kunst
      hat er auch von ihr. Sie ermöglichte ihm seine Träume. Der Sohn sollte was
      Wirkliches werden, sollte es besser haben. Die Malerei und die Musik ent-
      wickelten sich zu seinen Standbeinen. Es musste aber Kölsch sein, sonst wäre
      es wohl bei der Malerei geblieben. Die damalige Gossensprache Kölsch prägte
      er in der Stadt gemeinsam mit den Bläck Föös, bis heute. Der Dialekt wird
      seiner Meinung nach aber wohl aussterben. Schwierig ist noch immer, Lieder
      auf Kölsch zu schreiben, ohne dabei volkstümlich zu werden, wie die Höhner
      oder andere Bands. Wird es ernst, wie bei Absurdistan", so muss es doch
      hochdeutsch klingen. Selbst nach seinem Schlaganfall war Kölsch die erste
      Sprache, die er wieder flüssig beherrschte, Hans Süper sei Dank. Er rief ihn an
      und zwang ihn so wieder zu sprechen. Im Hochdeutschen fehlten ihm noch
      Worte. Man darf nie vergessen, dass er nie mehr auf der Bühne hätte stehen
      können. Im Kölschen ist Niedecken tief verwurzelt. Interesse zeigt er auch an
      der Kölner Stadtgeschichte.

      Das erste Album war für seinen Vater dann ein Schock, weil zu sehr politisch
      für die ältere Generation. Der junge und wilde Wolfgang fing an sich zu verwirk-
      lichen, als brotloser Musiker. In der Malerei galt bei ihm das Motto jedes Sujet
      und jedes Material. Zuletzt wurden seine Werke in der Villa Zander ausgestellt.
      Als sich musikalisch der Erfolg einstellte, da wurde er plötzlich nachdenklich.
      Berater von außen prallten ab. Die Bravo hob ihn auf das Schild. Einige
      Musiker der Band wollten mehr, aber Niedecken wurde vorsichtig. So wurde
      aus BAP eine sich in der Besetzung stetig wandelnde Band, die aber
      heute noch hundertprozentig BAP ist. Selbst heute überdenkt er seine
      Setlisten stets sehr genau, anstatt einfach die Hits zu spielen. Er geht so
      vor, wie er es sich von seinen musikalischen Helden wünschen würde. BAP
      soll unverwechselbar bleiben. Als Musiker muss man aber flexibel sein, auch
      mal kleinere Hallen genießen, wenn der Zeitgeist gerade ein anderer ist.
      Alles ist durchdacht. Dabei würde er auf der Bühne niemals eine Gitarre
      zerstören, wie damals The Who. Dafür dauern die Konzerte immer schön
      lang, das längste vier Stunden und zwölf Minuten. Beim Rockpalast in Essen
      musste er sogar aus der Dusche geholt werden und sich schnell anziehen,
      weil die Fans nicht gehen wollten.

      Fußball ist natürlich ein Muss-Thema bei Niedecken. Der FC ist seine
      sportliche Heimat, egal ob Ab- oder Aufstieg. Er leidet auch gerne mit. Als er
      erstmals neben seinem Idol Hans Schäfer auf der Tribüne saß vergaß er das
      Spiel komplett. Es entwickelte sich eine große Freundschaft.

      Ein besonderes Anliegen ist für Wolfgang Niedecken seine Stiftung "Rebound",
      die sich um Kindersoldaten kümmert. Als er erstmals im Bürgerkrieg in Nord-
      Uganda Kinder sah, die vor Rebellen in die sichere Stadt flüchteten, da musste
      er sich kümmern. Ansonsten wären sie als Kinder entführt und zu brutalen
      Soldaten erzogen worden. Ein kleines Mädchen an der Hand sagte ihm dort
      sehr prägend, dass er diese Kinder niemals vergessen dürfe. Im Saal wurde es
      merklich nachdenklich. Heute besteht die Stiftung zehn Jahre und sie kümmert
      sich um Kindersoldaten über Uganda hinaus. Den Song für die Kindersoldaten
      in Uganda, "Noh Gulu", präsentierte er solo mit Gitarre.

      Was wäre ein Talk mit Niedecken ohne Musik. Die besorgte er selbst. Er sang
      "Für ne Moment", "Alles relativ", "Reinrassiger Straßenköter" oder erstmals
      solo "Nix wie bisher". Zollverein erlebte wirklich große familiäre und musika-
      lische Momente. Die zweieinhalb Stunden inklusive Pause vergingen wie im
      Fluge. Dann drängte aber doch der FC. Nach ein paar Autogrammen ging
      es für Wolfgang Niedecken auf die Autobahn zum Heimspiel gegen den
      VfB Stuttgart.

      Im Herbst 2018 geht es mit dem aktuellen Album wieder auf große Tour!

      Datum: 4. März 2018

      www.bap.de
      www.zollverein.de