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      Man nehme einen köstlichen Kuchen und packe oben drauf noch einen Schlag
      süße Sahne, fertig ist im übertragenen Sinne das sensationell gute Schauspiel
      "Willkommen" von Lutz Hübner und Sarah Nemitz im Grillo Theater. Es ist ein
      rasantes Stück mit ganz viel klasse Humor und jeder Menge Tiefgang. Regie
      führte Thomas Ladwig.

      Dass sich ernste Themen und Komödiantisches nicht ausschließen, das
      beweist dieses Schauspiel außerordentlich. Alles spielt in der Küche einer WG
      in Essen. Sophie (Silvia Weißkopf) ist Fotografin und die Hauptmieterin der
      200 qm großen Wohnung. Mit ihr wohnen dort die Verwaltungsangestellte Doro
      (Stephanie Schönfeld), die Sozialpädagogik-Studentin Anna (Henriette Hölzel),
      der schwule Anglistikdozent Benny (Jan Pröhl) und der konservative Banker
      Jonas (Stefan Migge). Einmal im Monat trifft man sich zum gemeinsamen
      Kochen und Bereden der Probleme. Da platzt Benny mit der Neuigkeit heraus,
      für ein Jahr eine Gastprofessur an einer Hochschule in New York erhalten zu
      haben. Sein Zimmer wird zeitweise frei. Die Lösung hat er auch schon parat.
      Ein Flüchtling, oder auch eine ganze Flüchtlingsfamilie könnte hier die heim-
      ische Kultur kennenlernen und umgekehrt. Das trifft auf gemischte Meinungen.
      Schon beginnt eine sehr lebhafte Diskussion, die in der Hitze des Gefechts
      kommunikativ sehr häufig humoristisch ist. Einer flüchtet immer auf den
      Balkon, um wieder eingefangen werden zu müssen. Aus bisher nicht Gesagtem
      wird plötzlich eine direkte Meinungsäußerung, die oft ungeschickt formuliert
      wird. Man ist es nicht gewohnt so klar sich die Meinung zu sagen.

      Sophie kann sich ein Fotoprojekt vorstellen und ist direkt dabei. Sonst foto-
      grafiert sie erfolglos z.B. leere Schaufenster in Duisburg. Ihre Projekte will
      niemand in der WG sehen. Sie fühlt sich nie verstanden und steckt in einer
      Sinnkrise. Jonas hat Angst, dass Flüchtlingskinder auch mal nachts schreien
      könnten, weil sie viel durchgemacht haben. Schreien tun andere Kinder auch.
      Er wünscht sich ein älteres Ehepaar. Auch da kann es hoch her gehen. Doro
      kann arabische Männer überhaupt nicht leiden und lebt pauschal mit ständigen,
      fremdenfeindlichen Vorurteilen. Um die eigenen Gewissenbisse des Unrechten
      zu besänftigen, hat sie Geld für Flüchtlinge gespendet. Sie sagt ganz klar nein
      zu Bennys Vorschlag. Da ist dann noch Anna, das Küken der WG. Heimlich
      hat sie einen Freund, Achmed, der in Duisburg-Marxloh eine Fahrradwerkstatt
      leitet. Auch sie lässt diese Bombe später platzen. Achmed (Halil Yavus) kommt
      sehr charmant, lieb, humorvoll, ordnungsliebend und gar nicht türkisch daher.
      Außerdem ist da noch mehr zwischen ihm und Anna, was für einen wichtigen
      Nebenschauplatz sorgt.

      Diese Stück zeigt ausgezeichnet, wie zerrissen die Gesellschaft ist, in Schwarz
      und Weiß. Dabei wird der Rechtsradikalismus Doros zwar deutlich, doch merkt
      man an der Diskussion, dass es noch viele andere Probleme zu bewältigen gibt.
      Vorurteile gibt es jede Menge. Immer wenn die Dialoge zu ernst werden, löst der
      klasse Humor die Schwere des Themas ganz unerwartet wieder auf und macht
      das Stück zu einer sensationellen Komödie. Wortwitz ist Trumpf. Selbst
      Halbsätze, die Körpersprache oder der Mimik sind herrlich komisch inszeniert.
      Vor lauter Nervenanspannung gehen Dinge schief oder Gedankengänge verirren
      sich in der Komik der Situation. Jeder redet mit jedem hinter dem Rücken des
      anderen. Wie schalte ich nur einen Bluetooth-Lautsprecher aus? Bleibt Benny
      vielleicht doch länger als ein Jahr in den USA? Verlassen die Ratten nach
      und nach das sinkende Schiff? Fragen über Fragen.

      Was gibt es noch zu sagen? Es gibt einen seltsamen Kochtopf mit Inhalt, der
      unbedingt verschwinden muss, ein ominöses Tischtennisspiel und immer
      wieder die Frage, ob man aufräumen soll. Gewisse Dinge spinnen sich als
      Running-Gag durch das Stück.

      Eine konkrete Antwort bleibt das Stück bewusst schuldig. Passt der am Ende
      formulierte Lösungsansatz? Es gab große schauspielerische Leistungen zu
      erleben, durch die Bank. Teilweise mussten die Akteure auf der Bühne selber
      schmunzeln. Die Zuschauer kringelten sich vor Lachen. Das Bühnenbild ist
      ebenso gelungen. Am Ende der Premiere gab es einen starken und langen
      Applaus, der in dieser Intensität wirklich außergewöhnlich war.

      Datum: 1. Dezember 2017, Premiere

      www.schauspiel-essen.de