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      Mit "Geschichten aus dem Wiener Wald" ist das Schauspielhaus Bochum
      gut in die neue Spielzeit gestartet. Dabei steht die Bestie Mensch im Mittel-
      punkt des Geschehens. Dramatisch wird sie verschiedenen Figuren gezeich-
      net. Regie führte Karin Henkel, die nach 16 Jahren mal wieder in Bochum
      inszeniert.

      Der Wiener Wald ist eine beinahe verloren wirkende Gegend im achten
      Bezirk von Wien, rund 80 km entfernt in der Wachau gelegen. Hier tummelt
      sich so allerlei an Menschenvolk. Da trifft sich der Fleischer (Mourad Baaiz),
      der auch in schlechten Zeiten sein Auskommen hat, mit dem an sich selbst
      zweifelnden Gigolo (Ulvi Teke), dem übereifrig und unreif wirkenden Jung-
      Nazi (Marius Huth) und u. a. die an das Gute glaubende Marianne (Marina
      Galic). Unterschiedlicher könnten die Figuren nicht sein. So handeln sie
      dann auch. Für die spontane Liebe lässt man seine bisherige Beziehung
      sitzen, bekommt mit der Neuen gleich ein Kind und trennt sich wieder. Es
      geht um wirtschaftlich schlechte Verhältnisse, persönlichen Egoismus und
      fehlendes gesellschaftliches Denken. Das Stück von Ödön von Horváth
      stammt zwar aus den 1930er-Jahren, ist aber noch so aktuell wie damals.
      Es ist garniert mit feinem und bissigem Humor an den Verhältnissen, die von
      Menschen gemacht sind. Erkennt man die Missstände, verfallen die einen in
      Melancholie, die anderen in rassistischen Aktionismus. Wie der junge Nazi
      die Gesellschaft aufmischen möchte, hat auf den ersten Blick wenig
      Aussicht auf Erfolg.

      Romantisch ist die Figur der Marianne. Sie versucht einen vernünftigen Weg
      für sich zu finden, verliebt sich jedoch in den Falschen und kommt unter die
      Räder. Armut, der Job als Nackttänzerin, die Zeit im Knast und das ver-
      lorene Kind lassen sie zerbrechen. Ihr einziger Ausweg ist der, den sie von
      Anfang an nicht einschlagen wollte, die Ehe mit dem Metzger.

      Das Stück ist sehr deutlich auf den Punkt gebracht. Elend wird überall gut
      erkennbar inszeniert, ausgedrückt durch sprachliche Betonung, Kostüme
      und Mimik. Die Donau, ein kleiner Pool in der Mitte der feststehenden
      Drehbühne, ist notfalls der letzte Ausweg. Sehr geschickt deutet ein dunkel
      projizierter Totenkopf im Hintergrund auf die Zustände und ihren Ausgang hin,
      inklusive einer leicht vernehmbaren dunklen Tonspur, die nur Böses ahnen
      lässt.

      Es ist keine leicht verdauliche Inszenierung. Das merkt man gleich. Bedroh-
      lich wirkende Gedankenpausen lassen das Stück zeitlich wachsen. Irgend-
      wie kennt auch jeder das Gefühl von der Ich-Gesellschaft, die sehr brutal
      sein kann und andere zurücklässt. Die Obdachlosen auf der Straße sind
      da nur das sichtbare Ende der Kette. Es zeigt auf jeden Fall deutlich und
      schauspielerisch gut die Missstände auf, von denen wir umgeben sind.

      Datum: 3. Oktober 2019, Premiere

      www.schauspielhausbochum.de