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Ausstellung 'Wir von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990. Fotografien von Ergun Çagatay' im Ruhr Museum Essen
Mit der sehr sehenswerten Ausstellung „Wir von hier. Türkisch-deutsches Leben 1990. Fotografien von Ergun Çagatay“ greift das Ruhr Museum das Thema der sogenannten Gastarbeiter und ihrem Lebensumfeld auf.

1961 schlossen Deutschland und die Türkei ein Abkommen, das die Anwerbung türkischer Arbeitskräfte vorsah. Das Wirtschaftswunder benötige mehr Menschen, als es hier gab. So kamen sie mit wenig Gepäck aus der Türkei auch ins Ruhrgebiet, wohnten in Männerwohnheimen, auch Bullenklöster genannt. Sie holten ihre Frauen nach und gründeten Familien, Generation um Generation. Sie blieben hier in der Fremde, in einer völlig anderen Kultur. Ihre Familien boten ihnen einen Rückzugsort nach der harten Arbeit. Es gab Nähkurse für ihre Frauen. Die Moscheen sind bis heute ihre sozial-religösen Treffpunkte. Beruflich war man Bergmann, FriseurIn, Verkäuferin, Stahlarbeiter oder Ost- und Gemüsehändler.

Ergun Çagatay war 1990 als Fotograf in Deutschland unterwegs, um im Rahmen eines Projekts die Arbeitsmigration aus dem globalen Süden, Südosteuropa und Kleinasien nach Mittel- und Nordeuropa zu dokumentieren. Er besuchte Hamburg, Köln, Werl, Berlin und Duisburg. Auftraggeber war die Pariser Fotoagentur Gamma. Zwar wurde das Projekt recht bald wieder eingestellt, doch entstanden 3.477 Schwarz-Weiß- und Farbfotos zweier Generationen türkischer Gastarbeiter. Da er kein Deutsch sprach waren seine Landleute beliebte Fotomotive. Es ist eine Aufzeichnung seiner persönlichen Reise. Rund 116 Arbeiten werden präsentiert.

Was zeigen die Fotos? Es geht um die Arbeitssituationen, ihre Freizeit, die Familien und den Lebensalltag, auch beim Ausländeramt. Klar, ist man stolz auf seine Familie, mit mindestens zwei Kindern. Zum Gruppenbild versammelt man sich gerne auf der Couch im Wohnzimmer oder vor dem Mercedes, den man hart erarbeitet hat. Die männlichen Jugendlichen ziehen überall umher, ehe sie nicht selten den gleichen Job wie der Vater lernen. Der Blick in eine Friseurschule verrät, dass hier viele türkische Mädchen ihre Berufsausbildung bekommen. In Köln fotografierte Çagatay bei Ford, während er in Duisburg das Bergwerk Walsum als Ort wählte, auch unter Tage. Werl war der Ort, an dem in Deutschland erstmals eine Moschee komplett neu erstellt wurde. Sonst wurden andere Bauten zu Gebetshäusern umgenutzt. In Berlin hingegen sind es die Obst- und Gemüsehändler, die die türkische Community prägten, während in Hamburg die Werften im Mittelpunkt stehen. Immer wieder bekommt man Einblicke in die privaten Lebenswelten. Es wird geheiratet oder beschnitten. Uns kaum bekannt ist die Existenz von türkischen Theatern. Çagatay war ein Flaneur, die sich seine Motive vorsichtig und zurückhaltend suchte. Sie wirken auf die Betrachter journalistisch-dokumentarisch. Das Konvolut wurde u. a. für das Ruhr Museum erworben.

In den Kabinetten am Rand findet man Videobeiträge von türkisch-stämmigen Protagonisten aus Kunst, Musik, Wissenschaft, Sport, Journalismus, Politik und Gastronomie, die von ihren eigenen Familienerfahrungen und Werdegängen berichten. So wird das Thema in die Gegenwart transportiert, wo es einen Diskurs auslösen soll.

Alle Texte sind auf Deutsch und Türkisch verfasst, auch die im umfangreichen Ausstellungskatalog, erschienen in der Edition Braus. Ein sehr umfangreiches Rahmenprogramm wird geboten, darunter eine deutsch-türkische Kulturnacht, Musik oder Poetry Slam.

Laufzeit: 21. Juni bis 31. Oktober 2021

ruhrmuseum.de