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      Die Truck Tracks Ruhr gehen in ihre sechste Runde. Nun ist das Stadtgebiet
      von Bochum an der Reihe. Die Urbanen Künste Ruhr, das Rimini Protokoll und
      die beteiligten Künstler haben in Bochum wirklich außergewöhnliche Orte
      spannend bespielt.

      Wieder ist es ein LKW mit verspiegelter Seite und knapp 50 Sitzplätzen auf der
      tribünenartig umgebauten Ladefläche. Sieben Orte in Bochum werden für fünf
      Minuten angefahren. Dort erfolgt jeweils eine künstlerische Auseinandersetzung
      mit einem bestimmten Thema. Während der Fahrt gehen die Jalousien in LKW
      auch mal runter und dienen so als Projektionsfläche für Live-Bilder von draußen
      oder künstlerische Arbeiten und Gedankenspiele. Die 100-minütige Fahrt ist
      auch in Bochum als rollendes Theaterstück konzipiert, eine Art Live-Kino, bei
      dem man die urbanen Räume neu und ungewöhnlich reflektiert. Unterwegs wird
      man durch urbane elektronische Soundcollagen akustisch animiert, den Puls
      der Stadt zu fühlen.

      Bochum scheint für die Truck Tracks Ruhr ein ausgezeichnetes Pflaster zu sein.
      Die Orte sind wirklich ganz fein bespielt, mal philosophisch-nachdenklich und
      auch mal mit humoristischem Touch. Los ging es jedenfalls am Schauspielhaus
      mit dem Blick auf die Kammerspiele. In der rollenden Kammer ging es zunächst
      zu einem Kunstwerk, wo Doris Dean die Frage nach der Tradition stellte. Was
      geben die Menschen weiter und was lassen sie fallen? Hat man persönlich eine
      Lieblingstradition? Unterwegs blickt man in der Dunkelheit in viele Wohnungen
      und kleine Geschäfte. Menschen stehen hinter Imbiss-Theke oder schauen
      Fernsehen. Auf der Autobahn fliegen weiße Lichterpaare von links nach rechts
      und umgekehrt. Bochum ist am frühen Abend keine sehr lebendige, aber eine
      doch interessante Stadt.

      Ein weiterer Punkt war das Heusner-Viertel, wo noch vier Relikte der Haus-
      besetzungen in den 1980er-Jahren stehen. Die Wände dieser Häuser erzählen
      vom Kampf um Freiräume und von Konflikten zwischen Punks und Skins.
      Zeitzeugen berichteten, wie es damals war. Richtig spannend wurde es in der
      Recyclinganlage, direkt vor einem arbeitenden Bagger, der offenbar Müll in ein
      Behältnis beförderte. Der Begriff Materie schwirrte durch den Raum. Sie war
      schon immer da, wechselt nur mal das System. Selbst der Mensch wechselt
      alle sieben Jahre seine gesamte Materie aus, ohne im Gehirn Wissen zu
      löschen. Ein weiterer Höhepunkt der Tour war ganz sicher „Stahlhalla“ von
      Markus&Markus. Volle fünf Minuten lang fuhr der LKW um ein Kunstwerk von
      Volker Eisenhut um einen Kreisverkehr herum. Man hörte epochale klassische
      Musik, Schauspieltexte, Twist-Einlagen und ein Hoch auf den Busfahrer, einfach
      grandios formuliert und inszeniert.

      Ebenfalls einer der Höhepunkte war die „Ode an die Freude“ von Kainkollektiv,
      aus der Sicht eines armseligen Schriftstellers, der als Nachtportier sein Geld im
      Schlachthof verdienen musste. Nebenan im Bordell war er ein Voyeur, wie wir
      alle es instinktiv auch sind. Schon die rote Leuchtreklame „Girls, Girls, Girls“
      weckt die Neugier. Von drinnen drang beim Öffnen der Tür rotes Licht heraus,
      mehr aber nicht. Die Nachbarschaft zum Schlachthof war dabei pikant. Die
      Freuden und Leiden des Fleisches lagen dicht beieinander. Wie sähe eine Welt
      aus, in der alle Tiere Brüder wären? Die vorletzte Arbeit „“Pflastersteine“ macht
      Halt am Husemannplatz, eine gepflasterte Fläche mit Banken, einem Café und
      anderen Läden ringsherum. Hier wurde ein naiver Tagtraum gedanklich
      gesponnen. Die Pflastersteine wurden aus dem Boden gerissen, und alles auf
      den Kopf gestellt. Wird sich die Welt in diesen turbulenten Zeiten zum Besseren
      wenden?

      Den Abschluss bildete eine bemerkenswerte Arbeit von Lotte van den Berg am
      Zielpunkt vor dem Schauspielhaus. Aus den Beobachtern auf der Ladefläche
      wurden nun wieder Schauspieler da draußen, ohne einen geschützten Raum.
      Diese Transformation zurück auf die Bühne der Stadt war sehr bewusst zu
      durchleben. Die „Truck Tracks Ruhr in Bochum sind richtig gut gelungen. Man
      hätte noch Stunden diesem wunderbaren Theaterstück als Live-Kino bewohnen
      können.

      Datum: 24. Januar 2017 (Generalprobe)
      Laufzeit: 25. Januar bis 25. Februar 2017 (ab Schauspielhaus Bochum)

      www.trucktracksruhr.de