abenteuer-ruhrpott.info
Aktuelles
Freizeit 1
Freizeit 2
Bühnen
Veranstaltungen
Buchtipps
Orte zum Feiern
Kontakt
      „Truck Tracks Ruhr“ ist wieder unterwegs, dieses Mal in Mülheim und erstmals
      in der Dunkelheit. Es ist das fünfte Album des Kunstprojektes von Rimini
      Protokoll und den Urbanen Künsten Ruhr. Auch in Mülheim erleben die Mitfahrer
      dieser sehr ungewöhnlichen Kunsttour auf vier Rädern sieben Projekte verschie-
      dener Künstler, die auf den jeweiligen Ort zugeschnitten sind.

      Bei den „Truck Tracks Ruhr“ sitzen 49 Teilnehmer auf einer Tribüne, die auf einer
      LKW-Ladefläche montiert ist. Sie blicken durch eine verglaste Seite hinaus in
      die Stadt und die ausgewählten Orte, an denen der LKW für fünf Minuten
      stehen bleibt. Hier erlebt man dann eine Kunstperformance durch Sprache oder
      Klänge, die in der Regel sehr zum Nachdenken anregt.

      Das Projekt ist auch in Mülheim als rollendes Theaterstück angelegt. Die Eck-
      pfeiler sich die gleichen, die Wirkung ist jedoch eine andere, als bei den vor-
      herigen Stationen. Schon bei Dunkelheit steigt man in den beheizten LKW.
      Noch sind die Rollos vor der großen Scheibe herunter. Chillige Beats bereiten
      die Teilnehmer auf das vor, was kommen soll. Man merkt sofort den Unter-
      schied. Die Bilder der Außenkamera am LKW werden auf das Rollo innen im
      Vorbeifahren gebeamt. Dabei ist klasse zu erkennen, wie das recht begrenzte
      Außenlicht deutlich kontrastiert künstlich verstärkt wird, ohne es zu künstlich
      wirken zu lassen. Man verfolgt noch intensiver das Geschehen da draußen.
      Plötzlich fährt man in der Blauen Stunde, nicht in tiefschwarzer Dunkelheit.
      Fokussiert auf den Bildausschnitt, fühlt man sich in einem Film mit einem
      gewissen Reality-Faktor, irgendetwas zwischen Edward Hopper und Wim
      Wenders. Erleuchtete Schaufenster, Straßenlaternen, Autoscheinwerfer, leere
      Treppenhäuser, noch aktive Büros, hell erleuchtete Industrieanlagen, Rollläden
      abendlich verschlossener Fenster oder ganz einfach Menschen sind Teil dieser
      wunderbaren Choreografie. Dabei kommt einem Mülheim vor wie die provinzielle
      Vorstadt einer Metropole, die ganz in der Nähe sein muss. Irgendwo in der
      nahen Ferne wird das Leben glitzernd toben. Die urbanen, elektronischen Beats
      verstärken den Eindruck. Das Ziel ist nicht weit.

      Es gibt natürlich auch viele Fahrpassagen, in denen man real durch die Scheibe
      hinaus blickt. Es ist spannend zu sehen, wie auf der Autobahn die Scheinwerfer
      links und rechts durch das Blickfeld schießen, während man selber sich fahrend
      in einem Guckkasten bewegt. Ein ganz besonderes Kino auf der A3! Hier und da
      erkennt man ein Straßenschild und weiß ungefähr, wo man sich befindet. Helle
      Kreuzungen wechseln sich mit dunklen Passagen ab. Viele Fragen schießen
      dabei durch den Kopf. Wer wohnt da wohl? Schmeckt der Döner auf der Hand?
      Wohin geht diese Frau jetzt mit ihren Kind? Hatte sie einen stressigen Tag? Die
      Zigarette musste jetzt wahrscheinlich sein. Man betrachtet, mit oder ohne Rollo,
      das ganz normale, alltägliche Leben. Gesehen wird man von außen durch die
      2,5 m hohe und 10 m breite verspiegelte Scheibe abends übrigens so gut wie
      gar nicht, ein Unterschied zu den vorherigen Stationen.

      Inhaltlich sind die sieben Stationen ein Sammelwerk weltweit schweifender
      Philosophie und Gedanken, die einen sonst so weniger beschäftigen, zumindest
      beim Betrachten der jeweiligen Orte. In einem Stahl verarbeitenden Betrieb
      werden lange Rohre gelagert und bewegt. Ganz hinten sieht man sogar glühen-
      des Roheisen. Dabei wird künstlerisch global eine Brücke zwischen der ägyp-
      tischen und deutschen Stahlindustrie geschlagen. Am Hauptbahnhof betrachtet
      man wartende Menschen am Busbahnhof. Die ferne Welt und ihre ethnischen
      Unterschiede und Konflikte werden hier thematisiert, während die Menschen mit
      ihrem Smartphone spielen oder leer in die Nacht blicken. Beim relativ dunklen
      Blick in ein Waldstück wird ein Iraner zitiert, der Prostituierte in seiner Heimat in
      sein Haus einlädt, umbringt und öffentlich liegen lässt. Er tat es aus Überzeu-
      gung, ehe er selbst gehängt wurde.

      Bei der langsamen Durchfahrt durch einen Baustofffachhandel entdeckt man
      nicht nur Rohre oder Profile nah an sich vorüber gleiten, sondern stellt sich auch
      die Frage, wozu man das alles braucht. Die Geräusche dazu wurden elektro-
      nisch verstärkt und stammen von den Materialien selbst. Auf einer Autowasch-
      station fragt man sich, ob man es schafft, dass alles so bleibt, wie es bisher
      war? Will man das überhaupt? Vor der Feuerwehrwache formulieren Grund-
      schüler ihre Gedanken zum Feuer und seiner Gefahr. Ein Kind hat einen Opa in
      Sri Lanka, der Feuerwehrmann war. Sie möchte eine Feuerwehrfrau werden.
      Spannend und kurios wird es vor einem Real-Supermarkt. Observierende Gestal-
      ten beobachten scheinbar die Kunden und beraten über einen geheimnisvollen
      Plan. Was haben sie vor?

      „Truck Tracks Ruhr“ in Mülheim sind eine genial konzipierte Symbiose aus tollen
      Eindrücken, vielen interessanten Gedanken und perfekt abgestimmten elektroni-
      schen Klängen. Eine Fortsetzung dieses besonderen Theaterstücks wird es
      anschließend noch in Bochum und Essen geben.

      Laufzeit: 30. November bis 17. Dezember 2016 (in Mülheim, ab Ringlok-
      schuppen)

      www.trucktracksruhr.de