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      Mit "Der Troubadour" stellt das Aalto Theater in Essen eines populärsten
      Opernwerke Verdis als Neuinszenierung auf die Bühne. Das Ergebnis des
      französischen Kreativteams um die Regisseure Patrice Caurier und Moshe
      Leiser ist von viel Licht und leider auch sehr viel Schatten geprägt. Man hat viel
      gewagt und hat dabei insgesamt verloren, was den Sängerinnen und Sängern
      nicht ansatzweise anzulasten ist.

      Schließt man die Augen, so fühlt sich die Oper wie eine große Inszenierung an.
      Die Essener Philharmoniker interpretieren die Partitur in hervorragender Art und
      Weise. Die musikalische Leitung füllt Giacomo Sagripanti souverän aus. Die
      Oper gibt auch jede Menge schöner Melodien her. Sehr gut ausgewählt wurden
      die Sängerinnen und Sänger. Als würden sie die Umstände spüren, geben sie
      stimmlich alles und noch mehr. Aurelia Florian als Leonora, Liliana de Sousa,
      Nikoloz Lagvilava als Der Graf von Luna, Baurzhan Anderzhanov, Carmen Topciu
      als Azucena, Gaston Rivero als ein Troubadour, Albrecht Kludszuweit und Joo
      Youp Lee glänzen mit ihren Kehlen. Den tollen Opernchor darf man beim Lob
      ebenfalls stimmlich nicht ausnehmen. Die Ohren dürfen also genießen, doch
      das Auge isst immer mit !

      Öffnet man seine Äuglein, so wird man mit Fortschreiten der Handlung immer
      entsetzter. Nicht nur, dass das Bühnenbild (Christian Fenouillat) einfallslos und
      starr wirkt, es verkommt von Bild zu Bild. Erst liegen nur Stühle wild auf der
      Bühne herum. Man fühlt sich an die ziemlich misslungene Inszenierung
      "Alceste" von Johan Simons 2016 in der Jahrhunderthalle (Ruhrtriennale)
      erinnert. Auch in Essen wirkt das Bühnenbild ohne ein klares Konzept. Am
      Ende stapelt sich der Müll in den Ecken. Szenisch ist das nicht von Vorteil.
      Die Kostüme (Agostino Cavalca) der Sinti und Roma wirken extrem klischeehaft.
      Dabei ruft das Stück doch dazu auf, Minderheiten besser zu integrieren, um
      soziale Unruhen zu vermeiden. Mit bunten Klamotten aus der Altkleidersamm-
      lung bleiben sie weiter eine Randgruppe. Die Szenen wirken statisch und
      langatmig. Dabei hat das Haus doch eine so extrem variable Bühnentechnik,
      wie es zuletzt bei "Hänsel und Gretel" zu erleben war und noch ist. Nervige
      Umbauten mit oft herunter gelassenem Vorhang wären nicht nötig gewesen.

      Alles spielt in einer Art von Wartesaal mit typischen Bürodeckenleuchten. Dazu
      die bereits erwähnten Stühle und ein Bett. Später kommen noch Müllberge,
      Ölfässer, Benzinkanister, Natodraht und Absperrgitter dazu. Eine Vergewalti-
      gung findet ganz romantisch umgeben von Sperrmüll statt. Selbst ein sonst oft
      eindrucksvoller Soldatenchor wird durch eine Sexgummipuppe mit entsprech-
      enden Lendenbewegungen eines Chormitglieds peinlich verramscht. Die
      Hinrichtungen im Kerker durch den Graf von Luna wirken ebenso sehr unbedarft
      und lieblos inszeniert. Ein großes, dramatisches Ende stellt man anders auf
      die Bühne. Und wenn der Troubadour schon ohne Instrument unterwegs ist, so
      braucht man ihm für zehn Minuten auch keine Klampfe mehr in die Hand zu
      drücken, um darauf nicht zu spielen.

      Die Zuschauer erwarten bestimmt keine Inszenierung wie vor hundert Jahren,
      aber zeitgenössisch-moderne Darstellungen dürfen trotzdem positiven Stil und
      Linie haben. Patrice Caurier und Moshe Leiser haben in Essen das Rad der
      radikalen Inszenierung mit negativer Effekthascherei deutlich überdreht. Es fühlt
      sich szenisch wie eine Misshandlung von Verdis großem Erfolgstück an, platt
      und dem Stoff bezüglich nicht würdig präsentiert, bis auf die vorzüglichen
      Gesangs- und Orchesterleistungen.

      Datum: 2. Dezember 2017, Premiere

      aalto-musiktheater.de