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      "Träum weiter" heißt es im Schauspielhaus Bochum. Die Komödie mit ernstem,
      gesellschaftlichem Hintergrund überzeugt auf ganzer Linie. Die Auftragsarbeit
      von Nesrin Samdereli wurde sehr gut von der Selen Kara inszeniert.

      Die griechisch-türkischen Eltern Fidan (Sabine Osthoff) und Yannis (Henrik
      Schubert) stehen am Bett ihrer im Koma liegenden Tochter Nil (Almira
      Bagriacik). Sie sind geschieden und haben kaum gute Worte für einander übrig.
      Am Krankenbett käbbelt man sich heftig, der Situation unwürdig. Schon hier
      erkennt man, dass zwischen ihnen nicht immer alles gesagt wurde. Das ist der
      wunderbare rote Faden des Stücks. Das Dazwischen spielt die Hauptrolle und
      Nil füllt dieses als Person in einer einsamen Bahnhofshalle aus, in der keine
      Züge halten. Hier wartet sie auf einer Bank, ohne die Möglichkeit auszubrechen.

      Die Drehbühne verlegt den Komazustand szenisch an einen anderen Ort. Hier
      begegnet Nil ihrer Vergangenheit in Person ihrer ehemaligen Kunstlehrerin
      (Veronika Nickl), ihres Großvaters (Vedat Erincin) und ihres ersten richtigen
      Freundes, während die Uhr ohne Zeiger eine undefinierbar lange Aufenthalts-
      dauer ausdrückt. Von den Besuchern erfährt Nil in diesem visualisierten Koma-
      zustand Dinge, die damals nie ausgesprochen wurden. Es wäre zu peinlich und
      gesellschaftlich unsittsam gewesen. Die Besucher gehen wieder, während Nil
      auf ihre Erlösung warten muss.

      Es ist sowohl im Krankenzimmer, als auch in der Bahnhofshalle eine unwirk-
      liche Situation. Viele Fragen tun sich auf. Lieber haut man verbal aufeinander
      ein und stellt sich selber toll dar, als die Probleme im Kern zu thematisieren.
      Yannis erklärt seine vielen jungen Freundinnen nicht mit dem Versagen in
      richtigen Beziehungen, sondern mit seiner Attraktivität. Fidan stellt sich ebenso
      als starke Frau dar, ist aber mit ihrem täglichen Leben als Friseur eher unzu-
      frieden. Es ist ihre einzige Selbstbestätigung im Leben. Nils frisch getrennte
      Ex-Freundin Nora (Anne Eigner) prescht im Stück dazwischen. Sie öffnet Yannis
      und Fidan die Augen, erzählt von ihrer lesbischen Beziehung und all den Dingen,
      die Nil ihr von den Eltern berichtet hat. Ob sie es hören wollen oder nicht, es tun
      sich Abgründe auf. In der türkisch-griechischen Familie wäre eine lesbische
      Beziehung undenkbar gewesen. So wurde es verschwiegen.

      Eine besondere und ebenso gut gespielte Rolle verkörpert "Dr. Chefarzt" (Dennis
      Herrmann). Er lebt das aus, was Nil immer offen leben wollte. Die gut gewählten
      Frauenklamotten stehen ihm gut. Damit konfrontiert er optisch die streitenden
      Eltern. Vor "Dr. Chefarzt" zeigt man Respekt, trotz seiner sexuellen Vorlieben.
      Diese Rolle gibt dem Stück eine noch stärker surreale Note, die sich mit den
      realen Problemen gut vermischt.

      Das Stück beschreibt wunderbar das oft nicht gesagte Dazwischen, das häufig
      für unterdrückte Spannungen sorgt, die eines Tages an die Oberfläche kommen,
      alles sehr gut inszeniert und gespielt. Auch das Bühnenbild ist sehr gelungen.
      Der Titel "Träum weiter" beschreibt perfekt das Geschehen. Fidan hat es am
      Ende begriffen.

      Datum: 24. Februar 2018, Premiere, Schauspielhaus Bochum

      www.schauspielhausbochum.de