abenteuer-ruhrpott.info
Aktuelles
Freizeit 1
Freizeit 2
Bühnen
Veranstaltungen
Buchtipps
Orte zum Feiern
Kontakt
      Das Theater Oberhausen verpflanzt den "Tod eines Handlungsreisenden" von
      Arthur Miller sehr sehenswert in eine bunte Einkaufswelt der Neuzeit. Das
      Geschehen ist ganz dran an der Realität, eine extrem gelungene Mischung
      aus bitterer Realität und einer guten Prise Humor. Regie führte meisterhaft
      Hausregisseurin Babett Grube.

      Es ist Willy Lohmann (Torsten Bauer), der seit 36 Jahren Verkäufer eines
      Elektronikmarktes ist. Mit seinen 63 Jahren spürt er die Belastungen seines
      Jobs, fühlt sich leer. Gut verdient hat er nie, war aber immer stolz seine
      Frau (Anna Polke) und seine beiden Söhne Biff (Daniel Rothaug) und Happy
      (Mervan Ürkmez) ernähren zu können. Als Familienvater erschuf er sich
      selbst das Bild des starken Familienoberhaupts, das selbst die Schulnoten
      seines Sohnes Biff meinte beeinflussen zu können, eine Art kleiner Hoch-
      stapler. Wie so oft, die Kinder geraten nie so, wie der Vater es gerne hätte.
      Happy wird der Assi vom Assi vom Assi, träumt aber immer von der Karriere
      und verdingt sich in Designerklamotten als Schürzenjäger bei den Damen.
      Biff dagegen fühlt sich als Jemand mit klaren Idealen. Er lässt keine
      Karrierelinie erkennen, weiß aber ganz ehrlich und bodenständig wer er ist.
      Das Vater-Sohn-Verhältnis ist folglich sehr angespannt und auch zwischen
      den Brüdern knarrt es.

      Das Stück offenbart wirklich reale Verhältnisse unserer Gesellschaft. Der
      Generationenkonflikt wird sehr geschickt verwoben mit der heutigen Arbeits-
      welt, in der Leistung häufig nicht ansatzweise gerecht vom Arbeitgeber
      entlohnt wird. Prekäre Arbeitsverhältnisse ernähren oft kaum eine Person.
      Willy wird von seiner Chefin (Ronja Oppelt) sogar das Festgehalt in eine
      monatliche Provisionszahlung umgewandelt. Als er die privaten Rechnungen
      nicht mehr zahlen kann und das Gespräch mit ihr sucht wird er knallhart vor
      die Tür gesetzt. Übrig bleibt ein gebrochener Mensch, der von einem Leben
      als Selbstversorger mit selbst angebautem Gemüse träumt. Doch selbst das
      ist nicht mehr möglich. Sein eigener Selbstbetrug hat ihn dahin gerafft. Der
      ehemalige Pseudo-Gewinner kennt nun ernüchtert seine Rolle. "Ich bin was
      ich bin, sonst nichts." Da ist er sich mit Biff am Ende einig, während Happy
      andeutet, in die hochstaplerischen Spuren seines Vaters zu entgleiten. Ist
      Happy der junge Möchtegern-Karrieretyp unserer Zeit, der mit Maßanzug und
      Rollköfferchen andere zu blenden versucht?

      Gekonnt eingefügt sind die Zeitsprünge in die Vergangenheit, als Willi jung
      war. Immer wieder kommt die vergeigte Matheklausur von Biff zur Sprache,
      die ihm angeblich seine berufliche Karriere gekostet haben soll. Was war
      mit Willis Amüsement mit der Kollegin (Susanne Burkhard) im Laden? Nur
      einer seiner Träumgeschichten oder wahre eine Begebenheit? Auch sein
      längst verstorbener Onkel Ben (Vincent Schwabedissen) taucht kurz auf.
      Er soll beruflich erfolgreich gewesen sein. Hätte er ihm im Ausland mehr
      Lebensqualität versprochen?

      Der Stoff ist grundsätzlich sehr sozialkritisch. Szenisch ist er hervorragend
      umgesetzt. "Cosmos" nennt sich diese Einkaufswelt, die 25 Stunden (!)
      täglich geöffnet hat. Die USA lassen grüßen. Der arbeitende Mensch mutiert
      hier zur traurigen Gestalt, eine Art Drei-Groschen-Existenz, die nur in der
      Welt der Träume überlebt. Lediglich die Umsatzzahlen zählen, bei möglichst
      geringen Personalkosten, versteht sich. "Du kannst die Zitrone nicht aus-
      pressen und dann die Schale wegwerfen - ein Mensch ist doch kein Abfall",
      wird sehr passend im Stück angemerkt. Passend dazu schlüpft Ronja Oppelt
      sehr gut in die Rolle der Chefin, die im Dienst, mittels einer Uhr, mit ihrer
      Tochter fröhlich telefoniert. Schauspielerisch gibt es nichts zu meckern,
      schon gar nicht bei Torsten Bauer als Willy Lohmann. Hochemotional
      verkörpert er seine Rolle. Ein ehemaliger Schauspieler des Hauses ist eben-
      falls auf der Bühne, Günter Alt. Die Bühne und die Kostüme sind echte
      Hingucker und auch sonst ist man ganz dicht am Puls der Zeit.

      Datum: 12. April 2019

      www.theater-oberhausen.de