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      Das Grillo Theater greift mit dem sehr guten Schauspiel "Der Stein" von
      Marcus von Mayenburg ein typisch deutsches Thema auf. Es geht um ein
      Haus im Laufe der deutschen Geschichte, seine jeweiligen Bewohner und
      um Antisemitismus. Regie führte Elina Finkel.

      Es ist ein ganz normales Haus in Dresden. Es hat eine schöne Terrasse
      und einen netten Garten. Bis 1935 lebten hier jüdische Bewohner, ehe es
      von deutschen Nichtjuden "günstig" erworben wurde. 1945 überstand es den
      Krieg. 1953 kam es zur Republikflucht in den Westen. DDR-Bürger zogen
      ein. 1993 wurde es von der Familie erworben, die das Haus 1935 bereits
      unrechtmäßig ihr Eigen nannte. Dieses Haus hat wirklich viel erlebt, doch
      was ist wirklich wahr?

      Menschen kreieren sich ihre eigenen Legenden selbst. Dunkle Familien-
      kapitel verdrängt man oder wandelt sie ins Gegenteil um. Das muss auch
      Hannah (Josephine Raschke), die Tochter von Heidrun (Janina Sachau) und
      Enkelin von Witha (Ines Krug) erfahren. Sie soll in der Schule etwas zu ihren
      Helden verfassen. Ihr Großvater soll so einer gewesen sein. Eine jüdische
      Familie soll er als Widerständler in der Nazi-Zeit gerettet haben. So wird es
      erzählt. Die Geschichtsinterpretationen nehmen ihren fatalen Lauf. Aus
      Tätern werden Opfer und das eigene Gewissen lügt sich eine Familien-
      geschichte zusammen, die erst nach eingehenden Fragen der unschuldigen
      Tochter entknotet wird. Wie starb denn der ach so heldenhafte Opa
      (Jan Pröhl) 1945? Ein Freudenschuss eines einmarschierenden russischen
      Soldaten soll es angeblich gewesen sein.

      Als roter Faden zwischen all den innerpolitischen Veränderungen dient ein
      Stein, der zwischenzeitlich im Garten vergraben und ausgebuddelt wird und
      schließlich und endlich die Wahrheit kundtut. Zahlreiche Zeitsprünge prägen
      das Stück. Einblendungen verdeutlichen, ob man gerade im Jahre 1935,
      1945, 1953, 1978 oder 1993 ist. Sehr schickt inszeniert, weiß man immer
      welche Zeitzwänge zu moralisch-ethischen Verfehlungen führen. Auch die
      sehr schönen Kostüme und Frisuren passen sich stets geschickt dem
      Geschehen an. Eine Handlung durch verschiedenste Jahrzehnte wird toll
      miteinander verwoben. Als wichtiger Punkt in der Handlung ist Stefanie (Silvia
      Weiskopf) mit dabei. Zu DDR-Zeiten lebte sie mit ihrer Familie in diesem
      Haus. Auch für sie ist es ihr Zuhause. Sie meldet Ansprüche an, genau wie
      die Vorbesitzer, die nach der Republikflucht ebenso krampfhaft nach Argu-
      menten suchen, dieses Haus besitzen zu dürfen. Dabei wenden sie typisch
      westdeutsche Verhaltensmuster an. Lautstärke, Aggressivität und Fake-
      Fakten ersetzen die Wahrheit.

      Die Inszenierung ist ein bewegender Ritt durch die deutsche Geschichte
      und die Frage, wer wann Schuld getragen hat. Darf man seine eigene
      Familienschuld einfach so verdrängen? Kann man sein Fehlverhalten mit
      gegebenen politischen Zeiten rechtfertigen? Warum haben sie denn der
      jüdischen Familie das Haus 1935 geraubt? Haben sie nach der Republik-
      flucht überhaupt noch einen Anspruch darauf? Geschichte ist oft hoch-
      komplex. Auf der Bühne ist sie in knapp 90 Minuten sehr interessant
      und schauspielerisch hochklassig dargeboten.

      Datum: 26. Oktober 2019, Premiere

      www.theater-essen.de