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      Mit "Die Show" startet das Schauspiel Dortmund eine Wiederaufnahme,
      die es richtig in sich hat. Es ist ein sehr spannender und klasse inszenierter
      Stoff zwischen Virtualität und Realität. Das Stück, frei nach Tom Toelle und
      Wolfgang Menge, beschreibt die Gier nach Geld und Heldenstaus, auch
      wenn sie potentiell das eigene Leben kostet.

      Die Premiere war 2015, als zahlreiche Menschen aus dem Ausland in
      Deutschland Schutz suchten. Im Privatfernsehen lief die Suche nach Top-
      models, Superstars, prominenten Tanztalenten oder Dschungelkönigen. Das
      alles war für Kay Voges, Anne-Kathrin Schulz und Alexander Kerlin der
      Nährboden dieser Variante von "Das Millionenspiel", das 1970 im deutschen
      Fernsehen für einen großen Skandal sorgte. Auch in ihrer Version steht
      Bernhard Lotz (Sebastian Kuschmann) im Mittelpunkt ihrer brutalen Hetzjagt
      durch das Killerkommado, klasse verkörpert durch Bruno Hübner (Andreas
      Beck), Howie Bozinsky (Björn Gabriel) und Natascha Linovskaja (Bettina
      Lieder). Überlebt Lotz, bekommt er eine Million Euro. Gewinnt das
      Kommando, so geht das Geld an sie. Der TV-Nervenkitzel in einem optisch
      realistischen Studio kann beginnen. Das "Die" im Titel steht übrigens nicht
      für den Artikel, sondern für das englische Wort für Sterben, was alles noch
      brisanter macht.

      Das perfide Spiel um noch höhere TV-Quoten kommt absolut fluffig verpackt
      daher. Ein typischer Einheizer sorgt ironisch dafür, dass das Theaterpub-
      likum sich als Zuschauer einer TV-Show fühlen soll, ein blinkendes Applaus-
      Schild inklusive. Man erblickt eine Gästecouch wie bei "Wetten Dass" und
      eine wirklich tolle Live-Band (Tommy Finke, Stefan "Pele" Götzer, Daniel
      Brandl, Sven Petri). Eine Regieassistentin (Alexandra Sinelnikova) hat alles
      im Griff, während Bodo Aschenbach (Frank Genser) und Ulla (Julia Schubert)
      durch die Show führen. Er erinnert vom Typ her stark an Markus Lanz und
      Ulla ist eine von diesen weiblichen, profillosen Moderations-Importen aus
      dem Niederlanden (oder der Schweiz), mit entsprechendem Akzent.

      Selbstverständlich werden die aktuellen Quoten regelmäßig mitgeteilt. Da
      dürfen die internationalen Stars natürlich nicht fehlen. Das schrille japanische
      Cosplay-Girl Baby Bang (Eva Verena Müller) singt Belangloses und sorgt
      auf dem Sofa für Stimmung, ehe es zum Flieger muss, um eine Halbzeit-
      show in einem US-Stadion gesanglich zu gestalten. Johannes Rust als
      Jesus-Musicaldarsteller (Christian Freund) scheint auch nicht mit Intelligenz
      zu glänzen. Der Starkult von Samstagabend-Shows wird herrlich ironisch
      parodiert, das bedeutungssüchtige Auftreten von TV-Moderatoren inklusive.
      Nur die Mutter von Bernhard Lotz wirkt auf der Couch ziemlich verstört. Sie
      weiß nicht wie ihr geschieht.

      Das Stück ist an ironisch-witziger Skurrilität kaum zu überbieten, während
      das ernste Entsetzen immer mitschwingt. Ob Lotz ärztlich behandelt werden
      darf, das entscheiden die Zuschauer per TED. Es explodieren während der
      Außenschaltungen und Tagesrückblicken Handgranaten, fallen Streif-
      schüsse oder Hunde werden als blutrünstige Waffe eingesetzt. Als letztere
      vom gejagten Lotz nieder geprügelt werden, spricht man im Studio von ent-
      setzlicher Tierquälerei. Sensationell als filmische Live-Schalte ist das Horror-
      haus, wo Lotz seine entführte Freundin Candy finden muss, alles stets live
      per Bodycam. Schräger und besser geht es kaum.

      Lüstet die Gesellschaft so sehr nach prominenten Superhelden? Was
      müssen sie für diesen Status alles anstellen und riskieren? Es werden ganz
      bewusst kritische Sidekicks gesetzt, zum Showbiz, den sogenannten Stars,
      in Richtung TV oder Fußball. Dabei darf durchaus verraten werden, dass es
      ein Todesopfer gibt. Ein junges "Talent" des BVB, für 7,5 Mio. Euro aus dem
      spanisch sprechenden Ausland verpflichtet, kommt ums Leben. Sein Herz
      schlug für den BVB, natürlich "Echte Liebe". Fußballerisch konnte er nicht
      überzeugen, aber als Werbemaskottchen war er äußerst erfolgreich. So
      ganz traurig scheint der Trainer, sehr passend mit dem Foto des "Qualix"
      Magath unterlegt, in einer TV-Schalte nicht zu sein. Ein kurzes Bedauern
      genügt. Es gibt noch genügend anderes Vieh auf der Fußballweide des BVB,
      das lukrativen Handel verspricht.

      Das Stück ist klasse inszeniert, wahnsinnig witzig und doch immer mit
      einem nachdenklichen Ton unterlegt. Wir alle wollen doch den dreifachen
      Salto aus dem Stand auf dem Hochseil und ohne Absicherung sehen. Nur
      das sehen wir als Spektakel an, um mal den grauen Alltag zu vergessen.
      Diese Ansicht vieler Menschen wird herrlich satirisch, optisch und sprach-
      lich gut verständlich umgesetzt. Wie es Lotz ergeht, das wird nicht verraten.

      Rund 160 Minuten ohne Pause benötigt der Stoff schon. Es wirkt aber stets
      kurzweilig. Jeder kann selbst entscheiden, ob er nachdenklich oder
      schmunzelnd den Saal verlässt. Die Mehrheit ging mit einem vergnügten
      Lächeln. Es ist ein Stück, an das man selbst Jahre später noch gerne zurück
      denkt.

      Datum: 30. Januar 2019

      www.theaterdo.de