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      Im Zeichen des Kapitalismus kommt das Gute im Menschen oft zu kurz. Die
      Gier nach Geld lässt die Moral auf der Strecke. Das erkannte schon Bertolt
      Brecht, als er seine Parabel „Der gute Mensch von Sezuan“ 1943 in der Schweiz
      zur Uraufführung brachte. Das Thema ist bis heute sehr aktuell und längst nicht
      nur bei Linken ein Kritikpunkt. Der Regisseur Moritz Peters hat das Stück im
      Grillo Theater in Essen auf eine sehr interessante Art und Weise inszeniert und
      interpretiert. Man verfolgt gebannt das Geschehen auf der Bühne.

      Eine eingegrenzte Spielfläche, ein Seecontainer, jede Menge Regen und
      passend gesetzte Accessoires sind der Rahmen, in dem die Figuren agieren.
      Dabei sitzen die gerade nicht beteiligten Schauspieler am Rande der Spiel-
      fläche, sichtbar für die Besucher.

      Ganz klar im Mittelpunkt agiert exzellent Stephanie Schönfeld als Shen Te und
      Shui Ta. Es macht Spaß ihr zuzusehen, wie sie die Gute und den andererseits
      Skrupellosen darstellt. Kleine optische Veränderungen machen den Rollen-
      wandel sehr deutlich. Ihren imaginären Vetter Shui Ta stellt sie genauso gut
      männlich dar, wie Shen Te als weiblichen Part. Neben ihr glänzt ebenso Sven
      Seeburg als Wasserverkäufer Wang. Die anderen Akteure zeigen ebenfalls gute
      Leistungen. Besondere Merkmale der Inszenierung sind häufige Beschreibungen
      der Szene und Regieanweisungen durch die Akteure. Das ist auch nötig, da die
      Bühne und die Kostüme als Grundfarbe in Grau gehalten sind und jeder häufig
      seine Rolle wechselt. So behält man gut den Überblick, wer in welcher Szene
      gerade als was agiert.

      Begleitet wird das Stück von einer Live-Band unter der Leitung von Tobias
      Schütte, der die Musik von Paul Dessau bearbeitet hat. Es klingt typisch nach
      Brecht, etwas Jazz, leicht schräg und ungewohnt für die Ohren. Die Musik passt
      sich thematisch gut der Inszenierung an.

      Hochmoralisch geht natürlich zu. Wer ist gut und wer ist böse? Kann das Gute
      überhaupt existieren und steht das Böse dem Menschen überhaupt zu? In
      Zeiten von vielen Flüchtlingen sind das Fragen, die die Gesellschaft momentan
      spalten. Ist das Gute mit den Gutsein nicht überfordert? Ist das egoistische
      Böse nicht viel zu anstrengend? Die Götter, die auf die Erde gekommen sind,
      um mindestens einen guten Menschen zu finden, sie tun sich schwer mit ihren
      Vorgaben. „Gibt es denn keinen guten Menschen in der Stadt?“ fragt Wang.
      Selbst Shen Te flüchtet zeitweise in die Rolle des Vetters Shui Ta, um ihre
      eigentlich guten Vorsätze nicht in Frage zu stellen. Sie will mit ihrem kleinen
      Tabakladen einfach nur überleben. Dabei ist es doch notwendig für das gute
      Zusammenleben, dass man gut zu sich selbst und zu anderen ist.

      Das Ende ist überraschend inszeniert, eher untypisch. Schon während des
      Stücks werden moralische Fragen betont ans Publikum gerichtet. Am Ende gibt
      es keine Antworten von den Figuren. Jeder Betrachter soll sich seine eigene
      Meinung zu dem Zwiespalt von Gut und Böse bilden? Brauchen wir die zehn
      Gebote noch? Soll die Welt geändert werden? Ist der einzelne Mensch zu klein
      für die großen Pläne der Menschen? Müssen die Götter ihre Vorgaben an-
      passen? Brauchen wir einen „guteren Menschen“? Man verlässt das Theater mit
      vielen Fragen an sich selbst. Es gab sehr viel Premierenapplaus und stehende
      Ovationen.

      Falls man einen Platz in den ersten Reihen hat, sollte man sich übrigens etwas
      wärmer anziehen. Der lange anhaltende Regen auf der Bühne soll das Mikro-
      klima vorne spürbar abkühlen. Schon für die gute Übersicht auf der Bühne ist
      ein Platz in den hinteren Reihen optimaler.

      Datum: 29. April 2016, Premiere (weitere Termine)

      www.schauspiel-essen.de