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      Mit einem Großaufgebot an Schauspielern und Darstellern präsentiert das
      Theater Oberhausen das Psycho-Drama "Schuld und Sühne" von Fjodor
      Dostojewski ganz ungewohnt und gelungen im alten Kaufhof in der
      Marktstraße 60. Regie führte Bert Zander.

      Die letzte Premiere dieser Spielzeit gastiert an einem Ort, der gerade zum
      Hotel umgebaut wird. Die Geschichte dieses Gebäudes lässt sich trotzdem
      noch gut erahnen. Inmitten der riesigen ersten Etage hat man eine Art Wohn-
      zimmer eingerichtet, umgeben von vier Projektionswänden. Auf dem roten
      Teppich kann man es sich aussuchen, ob man die Kissen auf dem Boden
      oder die Stühle in allen Ecken bevorzugt. Schauspieler Christian Beyer als
      Rodion Romanowitsch Raskolnikow bewegt sich auf einem Bühnenkreuz
      mitten durch die Zuschauer. Seine Rolle ist wirklich nicht einfach, denn er
      kommuniziert mit seinen Kollegen, die filmisch auf Leinwänden agieren. Die
      Gesichter werden von der Kamera gerne nahe herangeholt. Das lässt sie für
      Rodion noch bedrohlicher wirken, wie ein Verhör. Da immer die richtigen
      Einsätze zu finden ist schon eine große Leistung. Dabei agieren die
      Personen auf den Leinwänden auch miteinander. Die Körperhaltungen und
      Blickrichtungen sind sehr gut abgestimmt. Als Zuschauer ist man Teil des
      Ganzen. Man bekommt das mörderische Drama ganz nah mit. Die Macher
      bezeichnen es als eine theatrale Filminstallation.

      Was ist gut oder schlecht, wenn wir handeln? Wollen wir eine unbedeutende
      Laus der Gesellschaft sein oder als ein bedeutender Mensch existieren?
      Letzteres passiert nur, wenn wir Grenzen überschreiten und ggf. schlecht zu
      unseren Mitmenschen sind. Rodion begeht eines Tages zwei Morde, um
      vorrangig an Geld zu kommen. Ab diesem Zeitpunkt geraten Körper und
      Psyche völlig durcheinander. Seinen Mitmenschen fällt er auf. Er wird
      zum leichten Spielball für sie, obwohl er sich sicher ist, niemals enttarnt zu
      werden. Dabei darf man nicht vergessen, dass viele von ihnen selbst gefähr-
      liche Grenzen überschreiten, keine Läuse sein wollen. Clemens Dönicke als
      Untersuchungsrichter zeigt in seiner unnachahmlichen guten Art, wie man
      als Mann der Justiz seinen Job umpassend interpretieren kann. Mit Verdäch-
      tigen spielt man nicht, wie die Katze mit einer Maus. Klaus Zwick als Hofrat
      lässt seine finanzielle Macht zur Abhängigkeit für andere werden, am Ende
      ohne Erfolg. Auch Jürgen Sarkiss, als stellvertretender Polizeistellenleiter,
      übt gerne spielerisch Macht aus. Andere haben ihre Frau vergiftet oder
      bekommen nicht genug von jungen Frauen.

      Es gibt Intrigen, Korruption, die ausufernde Schere zwischen Arm und Reich,
      sexuelle Bedrohungen oder kaltblütigen Mord. Trotz historisierender
      Kostüme trifft der Stoff unsere Zeit. Ob Trump, Putin oder Erdogan, sie alle
      haben eine Vergangenheit, die man nicht im Detail kennen möchte. Selbst in
      der Lokalpolitik wird mit allen Mitteln innerparteilich um diverse Pöstchen
      gerungen. Für den Blick auf unsere Zeit sorgen schon die rund 70 Bürgerinnen
      und Bürger der Stadt, die im Film in ihren natürlichen Umgebungen spannend
      mitwirken. Sie erzählen Passagen des Stücks auf ihre Art und Weise und
      geben der Handlung so eine gewisse Leichtigkeit, trotz aller Schwere des
      Stoffs.

      Muss man wirklich über Leichen gehen, um etwas Besonderes zu sein?
      Richtig gelungen stellt die junge Emilia Reichenbach Gott dar. Da lauscht
      man gerne ihren sehr weise und ernst klingenden Texten. Je dubioser die
      Machtspielchen der anderen werden, desto bedeutsamer wird ihre Rolle.
      Selbst der Intendant wirkt filmisch mit, als Kleindarsteller mit einem kurzen
      Satz. Das gesamte aktive Ensemble trägt dazu bei, dass diese erste Spiel-
      zeit unter Florian Fiedler zu einem insgesamt positiven Ende findet.

      Für den musikalischen Ton sorgen Martin Engelbach und Jürgen Sarkiss
      mit Passagen z.B. von den Beatles oder David Bowie.

      Neben dem sehenswerten Stück ist er der Ort des Geschehens richtig
      spannend.

      Datum: 8. Juni 2018, Premiere

      www.theater-oberhausen.de