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      „nicht schlafen“ lautet der Titel der sehenswerten Tanzperformance von Alain
      Platel im Rahmen der Ruhrtriennale 2016. Grundlage für die Tänzer aus Belgien
      ist die Musik Gustav Mahlers. Nach der Station in der Bochumer Jahrhundert-
      halle geht die Inszenierung auf Welttournee bis nach Australien.

      Es ist die Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts, vor dem Ersten Weltkrieg. Die
      technische Entwicklung schreitet unaufhaltsam fort. Begeisterung und Angst
      machen sich breit. Politisch sind die Zeiten schwierig. Nationalismus wird immer
      beliebter und Attentate auf wichtige Persönlichkeiten nehmen zu. Diese Zeit der
      Unsicherheit, nach über 30 Jahren Frieden, weckte Nervosität und Aggression,
      bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Das Bühnenbild lehnt sich thema-
      tisch daran an. Abgüsse dreier toter Pferde, von der Künstlerin Berlinde De
      Bruyckere, geschaffen, prägen die Bühne. Sie sind ein Sinnbild der Kriegs-
      handlungen auf den Schlachtfeldern. „Nicht schlafen“ ist deswegen als Mahnung
      zu verstehen, hinzusehen, die ungünstigen Entwicklungen in unserer Gesell-
      schaft nicht einfach als gegeben hinzunehmen und wach zu bleiben in Krisen-
      zeiten.

      Mahlers Musik entstand genau in dieser Zeit und sie spiegelt wie ein Seismo-
      graph die nervöse Reise seiner Jugend wieder. Er war Sohn jüdischer Eltern und
      sechs seiner Geschwister starben früh. Man hört das Hässliche und die unter-
      schwellige Aggression. Oft ist es eine fragmentierte Musik für eine gebrochene
      Welt, teilweise auch collagiert. Der musikalische Leiter Steven Prengels mischt
      eine ganze Menge anderer Sounds mit ein. So erklingen Laute schlafender Tiere,
      Klezmer-Musik oder Soundscapes basierend auf Gustav Mahler. Klasse sind
      auch die selbst komponierten Passagen zweier afrikanischer Tänzer aus dem
      Kongo mit Musik der Pygmäen, live gesungen. Selbst ein wenig Bach ist ver-
      treten. Das Ende bildet sehr schön der erste Satz der zweiten Sinfonie Mahlers.

      Alain Platels ungewöhnlicher Tanzstil ist zuerst etwas befremdlich, doch das
      legt sich. Man muss sich etwas hinein gucken. Zunächst brechen die Aggres-
      sionen zu Tage. Die neun Tänzer, darunter eine Frau, balgen sich und reißen
      sich bis auf die Hose die Kleider vom Leib. Auch Platel lässt das Hässliche zu,
      was ebenso die Kostüme betrifft. Das Outfit der Akteure ist völlig atypisch
      zum klassischen Ballett, das aber doch hier und da bruchstückhaft zu erleben
      ist, auch wenn der moderne Ausdruckstanz natürlich überwiegt. Dabei erzählt
      die Aufführung keine Geschichte von A bis Z. Trotzdem versteht man den Inhalt.
      Es erscheint häufig wie ein Ritual vor tierischen Geschöpfen auf einem
      Opfertisch.

      Die Schritte sind auf den Punkt getanzt, ungefähr 5% davon sind Improvisation.
      Alles wirkt sehr gekonnt und athletisch. Es ist eine schwierige Choreografie,
      teils in Zeitlupe und melancholisch. Jeder Abend ist allerdings etwas anders.
      Viel Energie spürbar, Gefühle von Loslassen und Hingabe. Leiden und Tod sind
      das zentrales Thema, oft archaisch anmutende Endzeitbilder. Die Ritualisierung
      des Todes, das wilde Tier im Mann, kommt zum Vorschein. Am Ende wird der
      jüngste Mann geopfert, nicht die Frau.

      Datum: 8. September 2016

      www.ruhrtriennale.de