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      Mit einem positiv bemerkenswerten Stück startete das Theater Oberhausen in
      die erste Spielzeit unter dem neuen Intendanten Florian Fiedler. Das Stück
      "Schimmelmanns - der Verfall einer Gesellschaft" ist ein dramatische
      Geschichte im scheinbar humoristischen Mantel, das den angeblich so
      bürgerlichen Rassisten am rechten Rand einen für sie unangenehmen Spiegel
      vorhält. Es wird ganz sicher für Diskussionen sorgen. Inszeniert hat Florian
      Fiedler, der Hausherr persönlich.

      Schon der Beginn ist sehr bildhaft inszeniert. Der Saal wird zum Kino mit einem
      Film von den Nürnberger Prozessen. Anschließend öffnet sich der Vorhang und
      eine blaue, fast leere Bühne kommt zum Vorschein, wo von oben plötzlich ein
      Clown (Daniel Rothaug) herunter schwebt. Starke Bilder! Dieser Zirkus spielt in
      den USA. Direktor Reinhard Krüger (Klaus Zwick) verkörpert den Ultra-Altnazi,
      der sogar den Holocaust und Auschwitz leugnet, seine Angestellten miss-
      braucht und vor radikalen Handlungen wie Vergewaltigung oder Mord nicht
      zurückschreckt. Die Anspielungen auf den weit verbreiteten Rassismus der
      weißen US-Amerikaner und das Groteske im Stück liegen nahe.

      Danach zeigt die Drehbühne ihre zweite Seite. Eine typische Komödienbühne
      mit Wohnzimmer, Treppen, Balkon und vielen Türen kommt zum Vorschein. Alle
      Akteure werden erst einmal mit Namen per Projektion zum bekannten Intro der
      "Schwarzwaldklinik" vorgestellt. Das sind also die Neuen, die man erst noch
      kennenlernen muss. Hier ist die Gedankenwelt der Nazis noch sehr präsent.
      Syrische Flüchtlinge arbeiten als extrem billige Putzkolonne auf dem wohl-
      habenden Anwesen. Siegfried Schimmelmann (Jürgen Sarkiss) kauft beruflich
      günstig Gebäude auf, um sie teuer als Flüchtlingsunterkunft zu vermieten,
      während Geschäftsmann Felix Schimmelmann (Clemens Dönicke) auf Markt-
      plätzen rechtspopulistisch agitiert. Mutter Rosi (Ingrid Sanne) sitzt derweil auf
      dem Sofa und liest "blind" in der Bibel. Es gilt die ach so christlichen Werte
      der deutschen Gesellschaft hoch zu halten, denn Deutschland ist für sie die
      Welt. Muslime sind grundsätzlich Terroristen und Bombenbauer, werden wie
      Tiere behandelt.

      Mit dabei sind noch Gerlinde (Lise Wolle), die humane SPD-Werte propagiert,
      ihre demente Mutter Maria (Anna Polke), die behinderte Maja (Elisabeth Hoppe)
      und Leni (Ronja Oppelt). Spannende Charaktere sind die Geschwister Tati
      (Ayana Goldstrein) und Klara (Mervan Ürkmez), die extrem links- und rechts-
      radikale Gewaltbereitschaft offenbaren. Da kommt ein ziemlich grotesker Haufen
      Familienmitglieder zusammen, der verbal oft grobschlächtig und hart agiert, was
      aber passend dem Thema ist.

      Der Horizont der rechtsradikalen Familienmitglieder endet gefühlt an der Grund-
      stücksgrenze. Für so klug hält man sich. Nur der eigene Vorteil zählt und alles
      Fremde empfindet man als Bedrohung. Man möchte sie sogar im Keller selber
      vergasen und fühlt sich als Opfer, weil man zwei Weltkriege verloren hat. Die
      Argumente offenbaren die oft wenig durchdachte Gedankenwelt von Rechts.
      Sie widersprechen sich manchmal selbst, wenn es z.B. um Antisemitismus
      geht. In ihrem Herrenhaus hängen sogar damals geraubte Meisterwerke welt-
      bekannter Maler. Sie gelten als verschollen. Lenis Freund Peter (Klaus Zwick)
      ist Künstler und kann die Kunstschätze einordnen. Ja, er versucht mit seinen
      wohl formulierten Worten der Familie zu erklären, was Kunst bewirkt. Sie ent-
      kleidet das Bürgertum, bevor es sich selbst entkleidet. Dürfen Freiheit nur
      weiße, christliche, wohlhabende Menschen leben? Peter, Maria und Maja sind
      es, die im Stück die wichtigen Fragen und Denkanstöße geben, während
      die Neonazis nichts verstehen und nur dumpfen Hass und Rassismus kennen.
      Für sie zählt der Bürgerkrieg gegen weltoffene Werte als Vorspiel für den großen
      Krieg. Das alte Nazidenken ist noch lange nicht aus unserer Gesellschaft
      verschwunden.

      Schauspielerisch ist das Stück eine wirklich sehenswerte Gemeinschafts-
      leistung, ohne besondere Rollen hervorzuheben. Ein paar sehr pfiffige Video-
      projektionen ergänzen die Inszenierung. Musikalisch sorgt Martin Engelbach für
      die guten Live-Töne, dezent aber wahrnehmbar. Das Maß stimmt. Die Kostüme
      können ebenfalls überzeugen. Rechtzeitig zur Bundestagswahl feierte dieses
      provozierende und polarisierende Stück Premiere. Das Ergebnis kann man
      als gelungen bezeichnen.

      Datum: 22. September 2017

      www.theater-oberhausen.de