abenteuer-ruhrpott.info
Aktuelles
Freizeit 1
Freizeit 2
Bühnen
Veranstaltungen
Buchtipps
Orte zum Feiern
Kontakt
      Die neue MiR Dance Company hat in Gelsenkirchen eine erste großartige
      Duftmarke hinterlassen. Das Tanztheater "Les Noces / Sacre", live begleitet
      von der Neuen Philharmonie Westfalen, begeisterte das Publikum.

      Zwei Choreografien standen auf dem Programm. Beiden gemein war ihr musi-
      kalischer Komponist, Igor Strawinsky. Schon die erste Choreo vom italieni-
      schen Superstar Mauro Bigonzetti zu "Les Noces" war etwas Besonderes,
      ursprünglich kreiert für das renommierte Aterballetto. Er war persönlich in
      Gelsenkirchen zu Gast, um mit den TänzerInnen zu proben. Man muss dazu
      sagen, dass die Kompanie zwar neu zusammengestellt ist, aber schon zu
      200% Teamgeist lebt und diesen im Haus positiv verbreitet. MiR-Tanzchef
      Guiseppe Spota hat seinen Akteuren seine eigene Philosophie schon sehr
      gut vermittelt. Die internationalen Akteure stecken voller Energie und
      Tatendrang.

      So musste Mauro Bigonzetti sie sogar etwas bremsen. Musikalisch stellt
      die getanzte, russische Bauernhochzeit eine echte Herausforderung dar. Ein
      riesengroßes Kompliment geht an alle Beteiligten. Hier arbeiten 16 Tänzer-
      Innen, das Orchester mit viel Schlagwerk und vier Klavieren, vier Gesangs-
      solistInnen und der Opernchor zusammen. Es ist ein echtes Mammutprojekt,
      das erstmals musikalisch live aus dem Orchestergraben begleitet wird. Auf
      der Bühne geben die tanzenden Akteure einen ersten Einblick, was
      das Publikum in Gelsenkirchen ab sofort erwartet, ein zeitgenössisches
      Tanztheater auf hohem Niveau. Dabei braucht man kaum Requisiten. Jeder
      hatte ein Metallgestell zur Verfügung. Mit ihm kann man durch Wippen einen
      klopfenden Rhythmus erzeugen oder z.B. am Ende optisch auch die Hoch-
      zeitsglocken hervorragend läuten lassen. Oft klingt es dunkel und streng.
      Einfach nur klasse! Die sehr eindrucksvolle Choreografie ist extrem
      anspruchsvoll und athletisch. Dabei wird die Bildsprache völlig verständlich
      rübergebracht, was auch an den exzellenten Kostümen liegt. Gespielt wird
      ebenfalls gerne mit dem ausgezeichnet gesetzten Licht. Es setzt wichtige
      Akzente. Bis auf die Tatsache, dass die vier Klaviere, aufgrund der musika-
      lischen Dichte im Orchestergraben, nicht ganz so deutlich wahrgenommen
      werden konnten, ist diese Choreografie ein großes Werk der Tanzkunst.
      Mauro Bigonzetti ist übrigens von Guiseppe Spota auch deswegen ausge-
      wählt worden, weil er in der ersten Zeit als Tänzer sein großer Förderer war.
      Das vergisst man nicht und stellt sich dann selber gerne mal etwas zurück.

      Kraftvoll und sehr gelungen war auch das zweite Stück des Abends.
      "Sacre", in der Choreo von Ivgy & Greben, ein israelisch/niederländisches
      Duo. 2017 wurde es in Bern uraufgeführt. Es ist musikalisch ein Schlüssel-
      werk des 20. Jahrhunderts. Hier wechselte die Orchesterbesetzung in der
      Pause komplett, hin zum großen Orchester. Für Giuliano Betta, der erste
      Kapellmeister am Dirigentenpult, ist diese Partitur von rund 35 Minuten
      Länge deutlich anstrengender als eine dreistündige Oper von Verdi. Da
      schnauft nachher nicht nur der Dirigent, auch den TänzerInnen der MiR
      Dance Company merkt man die große Anstrengung deutlich an. Sie rennen
      und stampfen über die Bühne, bis sie akrobatisch in der Bühnenkulisse
      verschwinden. Obwohl die Laufwege von A nach B dabei manchmal beliebig
      erscheinen, ist jeder noch so kleine Schritt und jede Bewegung festge-
      schrieben. Ihr Hecheln ist in ruhigen Momenten deutlich zu vernehmen.
      Ein großer Respekt vor dieser Leistung. Ein richtig tolles Werk!

      Es macht jetzt schon richtig Spaß, der MiR Dance Company zuzusehen.
      Der Stil hat sich nach dem Übergang zu Guiseppe Spota von Neoklassisch
      zu Contemporary extrem verändert. Einige Stammgäste müssen sich daran
      noch gewöhnen. Auf jeden Fall sollte man noch den Ballettabend "Momo"
      im Januar abwarten, den Spota persönlich choreografiert. Erste großartige
      Fußabdrücke sind schon sichtbar. Das Publikum feierte die Premiere
      euphorisch. Der Jubel war absolut verdient und die Akteure sehr glücklich.
      Mal sehen, ob in Gelsenkirchen eine spannende Ära großer, zeitgenös-
      sischer Tanzabende eingeläutet wird. Das klassische Tutu hat hier jedenfalls
      nichts mehr zu suchen. Im MiR ist man mit dem sehr sympathischen
      Guiseppe Spota im 21. Jahrhundert angekommen.

      Datum: 10. November 2019, Premiere

      musiktheater-im-revier.de