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      Mit dem hervorragend inszenieren Opernkrimi "Die Sache Makropulos" von
      Leoš Janácek zeigt das Musiktheater im Revier (MiR), dass es die Opern-
      pfade abseits von Verdi oder Mozart perfekt beherrscht. Die sehr anspruchs-
      volle Oper überzeugt durch starke Leistungen aller Beteiligten.

      Rahmengeschichte des Themas ist ein seit hundert Jahren dauernder Erb-
      streit zwischen Albert Gregor (Martin Homrich) und seinem Vetter Jaroslav
      Prus (Urban Malmberg). Am letztmöglichen Tag erscheint die Sängerin
      Emilia Marty (Petra Schmidt) in der der Kanzlei und behauptet, dass sie Ort
      und Inhalt des Testaments kenne. Mehr muss man zunächst nicht wissen,
      denn die Handlung ist sehr komplex und zunächst etwas verwirrend. Am
      Ende klärt sich alles wunderbar und spannend auf.

      Regie führte hervorragend Dietrich W. Hilsdorf, der vor 38 Jahren erstmals
      eine Oper auf die Bühne brachte. Dieses tat er im MiR. Hier begann seine
      Karriere als junger Opernregisseur. Mit der Oper "Die Sache Makropulos"
      nahm er sich nun einem Projekt an, wo andere Musiktheater gerne abwinken,
      weil die Umsetzung extrem anspruchsvoll ist. Gesungen wird in Tschechisch,
      was selbst auf einer Opernbühne nicht alltäglich ist. Die Sängerinnen und
      Sänger mussten in der Vorbereitung wirklich leiden. Ein ganz großes Kompli-
      ment gilt insbesondere Petra Schmidt. Auch für den Zuschauer ist die
      Sprache erst etwas gewöhnungsbedürftig, doch das legt sich bald. Die
      Partitur hat es ebenso in sich. Leoš Janá?ek hat stets gut hingehört, die
      Sprachmelodien im Alltag studiert, und in seinen Kompositionen umgesetzt.
      Heraus gekommen sind schöne Harmonien, gepaart mit zerstückelt klingen-
      den Passagen. Das Dramatische kommt immer auf den Punkt genau rüber.
      Es klingt wie eine klasse Filmmusik aus den 1920er Jahren, live interpretiert
      von der Neuen Philharmonie Westfalen, unter der Leitung von Rasmus
      Baumann.

      Der Eindruck, etwas Cineastisches vor sich zu haben täuscht dabei nicht.
      Schon die ersten Szenen in der Kanzlei fühlen sich an wie ein Stummfilm
      der 20er Jahre. Tatsächlich war ein Hitchcock-Film die gedankliche Vorlage
      für Dietrich W. Hilsdorf. Es fehlt nur eine Mattscheibe, der Gesang auf
      Lippenbewegungen reduziert und alles in schwarz-weiß, der Stummfilm ist
      fertig. Die Übertitel mitlesen muss man sowieso. Man merkt bereits hier,
      dass man sich mit den in die Zeit passenden Kostümen und dem ebenso
      zeitgemäßem, zwei mal wechselnden, Bühnenbild sehr große Mühe gege-
      ben hat. Die Requisiteure hatten jede Menge Arbeit mit den vielen tollen
      Möbeln und Details.

      Was macht diese Oper nun zum Krimi? Testamente gibt es viele. Es ist die
      sehr geheimnisvolle Emilia Marty, die den roten Faden spinnt und allerlei
      Verwirrung schafft. Ihr Wissen kommt den Männern mystisch vor. Sie weiß
      Dinge, die nur Tote wissen können. Der Erbschaftsstreit begann vor hundert
      Jahren. Alle Beteiligten müssten eigentlich verstorben sein und doch glaubt
      man ihr. Nur erklären kann man es sich nicht. Ihre Erscheinung wirkt stets
      sehr anziehend. Die Männer machen sich dabei alle lächerlich, wollen ihre
      Hand um jeden Preis. Es wird phasenweise humorvoll. Sie wird zur Femme
      fatal und bleibt dabei einkalt. Ihr Geheimnis behält sie bis zuletzt für sich.
      Es ist ein Unsterblichkeitselixier, das man ihr vor 337 Jahren versuchsweise
      verabreicht hatte. Ihr Vater war Leibarzt von Kaiser Rudolf II.. Sie war das
      Versuchskaninchen für seine Majestät. Erlebt hat sie seit dem so viel, dass
      es ihr zur Last wird. Obwohl sie das Geheimrezept noch besitzt, beschließt
      sie, ihr Dasein nicht um weitere 300 Jahre zu verlängern. Das Leben langweilt
      sie. Sie ist einsam, hat alles erlebt und ist müde. Die Männer, sie waren für
      sie fast immer nur Futter. Szenisch sehr gut verschwindet Emilia genauso
      geheimnisvoll hinter den trüben Gardinen ihres luxuriösen Hotelzimmers, wie
      sie sich stets präsentierte. Eine groß inszenierte Oper findet ein großartiges
      Ende à la Kafka.

      Diese Oper steht ehr eng im Zusammenhang mit dem 60. Geburtstag
      (15. Dezember 2019) des absolut zeitlos wirkenden MiR. Nicht nur Regisseur
      Dietrich W. Hilsdorf ist dabei mit im Boot. Auch ein beteiligter Sänger ist
      ein Teil lebende Geschichte des Hauses. Die Rolle des Hauk-Schendorf wird
      von Mario Brell gesungen, der vor rund 20 Jahren am MiR als Sänger in
      Rente ging. Nun ist er mit seinen 83 Jahren noch einmal auf der Bühne und
      genießt die volle Aufmerksamkeit vom Publikum, Szenenapplaus inklusive.
      Er gehört stimmlich und körperlich noch nicht zum alten Eisen und ist
      seines Lebens froh.

      Übrigens: Der wunderschöne Christbaum im großen Foyer ist auch dieses
      Jahr wieder ein echter Hingucker!

      Datum: 7. Dezember 2019

      musiktheater-im-revier.de