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      Ein wahrlich außergewöhnliches Theaterstück bringt die Ruhrtriennale in die
      Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord. Das spannende Bezieh-
      ungsgeflecht in der Werkssiedlung "Diamante" ist ungewöhnlich und sehr
      gut inszeniert. Sechs Stunden Zeit sollte man allerdings mitbringen.

      Die gesamte Kraftzentrale wird zu einer riesigen Bühne, die die Besucher
      selbst und frei begehen dürfen. Elf Häuser und ihre Bewohner erzählen das
      Leben in der Enge der Werkssiedlung, wo die Nachbarn auch die Arbeits-
      kollegen sind. Umgeben ist die Siedlung von einer Mauer. Die Menschen
      davor und dahinter mistrauen sich gegenseitig. Bereits der Bau vor 100
      Jahren führte zu Arbeiteraufständen, die blutig niedergeschlagen wurden.
      Die Massengräber kommen später noch ans Tageslicht.

      Goodwind, so der Name der Siedlung und der des deutschen Unternehmens,
      sollte im Norden Argentiniens das perfekte Leben darstellen. Theaterunterricht,
      geförderte Bildung und andere Vorzüge spiegeln das Idealbild einer Gesell-
      schaft wieder, die keine Wünsche offen lassen. Alle haben Jobs und ein
      gutes Auskommen. Abhängigkeit vom Arbeitgeber, ständige Überwachung
      und subtile Aktionen hinter den Rücken sind die Kehrseite. Als nach fast 100
      Jahren erstmals ein Überfall geschieht, nimmt der Niedergang seinen Lauf.
      Wer war es? Geld ist wichtiger als Moral. Wenn man nicht selbst zum Täter
      wird, riskiert man zum Opfer zu werden. Die Karrierekarte im Konzern oder
      in der Politik ist das Ass. Dafür darf die eigene Beziehung auch kriseln,
      wenn die neue Partnerin Managerin des Konzerns oder angehende Gouver-
      neurin ist. Falsche Fakten werden gestreut und angebliche Zeugen gekauft.
      Um in dieser Atmosphäre zwischen Beruf und Privatleben auf engstem Raum
      zu überleben, gehen manche über Leichen. Vertrauen ist hier Glückssache
      und jeder hat in seiner Vergangenheit etwas Dunkles zu verbergen. Auf der
      Suche nach Glückseligkeit und Ruhe treffen sich alle in Goodwind. Die
      Freiheit liebende Jugend versucht jedoch die eigenen Ideale zu leben,
      halluzinierende Pilze und spirituelle Dinge inklusive. Langsam bröckelt die
      umgebende Mauer des Idealbilds immer mehr.

      Das Stück ist eine spannende und sehr gut von Mariano Pensotti inszenierte
      Kriminalgeschichte in drei Teilen, voller Details mit zehn Häusern und
      einem Auto, welches stets für moralische und örtliche Freiheit steht. Mit
      dem fortschreitenden Verfall dieser künstlich geschaffenen Gesellschaft wird
      der Blick zurück immer wichtiger. Damals ging es ihnen hier gut. In der Bar
      traf man sich auf ein Bier. Jetzt kann der Wachmann per Kamera die
      Bewohnerinnen auffordern, doch mal ihre Blusen zu öffnen. Drogen hat er
      nebenbei im Angebot. Das ideale Leben gleitet immer weiter ab. Man beschul-
      digt sich gegenseitig für den Überfall. Unordnung und ein kleiner Porzellan-
      vogel auf dem Nachttisch werden zu Metaphern für Tod oder Trennung. Die
      Sprache der Symbole ist ganz wichtig. Jede kleine Veränderung hat manch-
      mal große Folgen für Goodwind und seine Bewohner, auch wenn die
      Wohnungseinrichtung noch den Glanz des Wohlstands ausstrahlt.

      Das Ende ist genauso skurril und erschreckend wie die ganze Geschichte.
      Man bleibt fern der Realität in einer Kunstwelt. Der Humor kommt also nicht
      zu kurz. Man muss immer wieder über die Einfälle des Autors schmunzeln.
      Trotzdem ist es der Mikrokosmos unserer Gesellschaft, die man sich ohne
      Einflüsse von außen gar nicht vorstellen kann. Eine sogenannte reine
      Gesellschaft kann nicht existieren.

      Die Spielorte, also die Häuser, kann man sich aussuchen und nacheinander
      abgehen. Jeweils acht Minuten dauert eine Szene, elf davon im ersten Teil.
      Man verpasst dabei keine Geschichte. Deutsche Übersetzungen spanischer
      Texte oder wichtige Erklärungen werden in jedem Haus per Beamer lesbar
      gemacht. Das Puzzle der Bewohner und ihrer Lebenssituation wird dabei
      stets klarer. Wer geht mit wem fremd und wer spinnt gerade welche Intrige?

      Es ist ein sehr gutes Stück, für das aber, als einziger Makel, leider nicht
      genügend Leute Hocker zur Verfügung stehen. Sechs Stunden sind eben
      lang. Trotzdem ist es sehr sehenswert, weil es außergewöhnlich und span-
      nend rüberkommt. Übrigens, Freunde des Theater Oberhausen werden sich
      über das Wiedersehen mit Moritz Peschke freuen, bis 2017 Ensemble-
      mitglied unter Peter Carp in Oberhausen.

      Datum: 26. August 2018, Landschaftspark Duisburg-Nord

      allgemeine Infos und Fotos zur Ruhrtriennale 2018
      www.ruhrtrienale.de