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      Der Auftakt der Ruhrtriennale 2018 unter der neuen Intendantin Stefanie Carp
      lässt aufhorchen. Mit "The Head & The Load" von William Kentridge (1955,
      geb. in Johannesburg) und Philip Miller (1964, in Kapstadt lebend) präsen-
      tiert man dem Publikum im Landschaftspark Duisburg-Nord eine intensive
      Performance, die außergewöhnlich und sehenswert ist.

      Wer weiß schon, dass rund zwei Millionen Menschen aus Afrika von europä-
      ischen Kriegsparteien gezwungen wurden, am Ersten Weltkrieg aktiv mitzu-
      wirken. Dieses Leid geschah vor über hundert Jahren und ist heute überhaupt
      nicht bekannt. Etwa 1,5 Millionen Träger mussten für die Kolonialarmeen
      Maschinengewehre, zerlegte Schiffe und andere Ausrüstung schleppen,
      25 km und mehr pro Tag. Genaue Listen über sie gab es nie. Jede afrika-
      nische Familie musste aber mindestens einen Sohn zwangsweise in den
      Krieg schicken. Es starben viele an Hunger, Kälte, Durst oder Infektions-
      krankheiten. Stiefel gab es natürlich auch nicht. Viele überlebten diese
      Strapazen nicht. Für die Europäer ist es bis heute ein blinder Fleck der
      Geschichtsschreibung.

      Wie soll man ein solches Thema darstellen? Hinzu kommt die außergewöhn-
      liche Bühne in der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord. Sie
      misst gut 50 m Breite. Man hat sich für eine gelungene und emotionale
      Collage aus Schauspiel, Gesang, Videoanimation und Tanz entschieden.
      Auch wenn das auf den ersten Blick die Hauptzutaten eines Musicals sind,
      so ist es eher eine Performance. Linear ist her nichts, alles wird fragmentiert.
      Dada, eine Strömung dieser Epoche, spielt eine sehr wichtige Rolle in der
      Aufführung, die eine sehr eigene künstlerische Sprache entwickelt.

      Hat man sich erst einmal an die ersten Szenen gewöhnt, so versteht man
      die Vorgehensweise der Inszenierung. Gesprochen und gesungen werden
      Passagen in Englisch, Französisch, Italienisch, Shangaan, Shona, Zulu,
      Pedi, Xhosa, Wolof, Madinga und Swahili, teilweise mit deutschen Übertiteln.
      Nur die wichtigsten Botschaften werden klein übersetzt. Sonst wäre es auch
      zu anstrengend der Handlung zu folgen. Der Rest ist eine großartige Video-
      animation über die gesamte Bühnenfläche. Animierte Zeichnungen oder
      historische Filmausschnitte erklären alles, auch ohne spezifische Sprach-
      kenntnisse. Man arbeitet außerdem gerne mit Schatten. Die Bildsprache,
      ergänzt durch eigenes Kopfkino, ist selbsterklärend. Sie ist auch als der rote
      Faden, der die fragmentierten Elemente verbindet.

      Musikalisch überrascht die Performance, indem sie traditionelle afrikanische
      Musik mit der damaligen europäischen durch Schnittmengen verknüpft.
      Philip Miller hat fünf Jahre lang an der Komposition gearbeitet. Schönberg,
      Fritz Kreisler oder Gedichte von Kurt Schwitters vermengen sich mit
      afrikanischen Liederbüchern, mitten im lärmenden Krieg. Dazwischen
      vernimmt man Sirenegeheul, Schüsse oder auch Vogelstimmen. Das Bild
      des Raben taucht auf, als Sinnbild des Todes.

      Die Auswahl der Mitwirkenden ist sehr gelungen. Gute Stimmen, tolle Tänzer,
      gute Musiker oder in sehr eindrucksvoller Erzähler können künstlerisch voll
      überzeugen. Sie sind ausschließlich Schwarze, die aber auch mühelos in
      die weißen Rollen der Kolonialisten schlüpfen können. Ihre Requisiten sind
      bewusst reduziert, aber klar ausgewählt. Auch die Kostüme sind sehr gut
      gewählt, keine kunterbunt verkleideten oder halbnackten Afrikaner. Die
      Klischees werden nicht strapaziert.

      Am Ende gab es spontan stehende Ovationen für eine sehr gelungene
      Darbietung, die man so nur an wenigen geeigneten Orten präsentieren kann.

      Datum: 10. August 2018

      allgemeine Infos und Fotos zur Ruhrtriennale 2018
      www.ruhrtrienale.de