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Online-Stream 'Eine Frau flieht vor einer Nachricht' bei den Ruhrfestspielen 2021 in Recklinghausen
Ein echtes, emotional bewegendes Highlight der diesjährigen Ruhrfestspiele ist „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“, nach dem gleichnamigen Roman des israelischen Autors David Grossman. In Lebensausschnitten wird emotional gezeigt, wie brutal kriegerische Auseinandersetzungen sind und welche Folgen sie für die Gesellschaft, die Familie und das Individuum haben.

Aktueller könnte der Stoff nicht sein. Ort des Geschehens ist Israel, ein Land mit 4,5 Mio. Einwohnern, umgeben von muslimischen Ländern. Hier herrscht Daueranspannung, die bis tief in die Familien reicht. In dieser Geschichte ist es Ora (Ute Hannig), die zwischen allen Stühlen sitzt. Ihre Ex-Männer Avram und Ilan hat der Krieg gezeichnet. Avram wurde in ägyptischer Kriegsgefangenschaft brutal gefoltert. Eigentlich wollte er so gepeinigt nicht mehr leben. Es wurde ein sinnloses Leben, denn er ist einfach nicht gestorben. Auch Ilan verteidigt mit voller Überzeugung sein Vaterland. Da wäre noch Ofer, der Sohn von Ora und Avram. Er übersteht unverletzt den jahrelangen Dienst in der israelischen Armee, um sich erneut selbst zu melden. Während Avram seinen Sohn früh kaum wahrgenommen hat und ging, zieht es Ora aus Angst nun fort, nur mit einem Zelt und dem nötigsten Gepäck hinaus in die Landschaft. Avram hat sie mitgenommen. Sie lassen das Leben noch einmal in Ausschnitten passieren. Hier draußen kann ihr niemand die mögliche, schlechte Nachricht vom Tod ihres Sohnes überbringen. Hier klopft niemand an die Tür und verliest eine Todesnachricht.

Es entwickelt sich ein sehr intensiver und eindringlicher Dialog zwischen den Protagonisten. Zwischendurch wird Kriegsgeheul imitiert. Man bekommt klar und brutal erklärt, wie Folter aussieht. Was es mit den Menschen macht, das erfährt man sowieso. Es kommt jede Menge Hass und Rassismus der kämpfenden Israelis gegenüber den Arabern rüber. Israelische Soldaten behandelt man sie wie Tiere oder Wesen fern eines Menschen, so wenig ist ihnen ein arabisches Leben wert. Man lacht sie aus und schießt mit Waffen auf palästinensische Steinewerfer. Ofer schildert, wie er einfach in ein arabisches Haus eindringt und den dort lebenden alten Mann in den Kühlkeller einsperrt … und vergisst. Er ist völlig abgestumpft, was Menschenwürde betrifft. Das problematische Thema der israelisch besetzten Gebiete wird natürlich angesprochen, allerdings nicht ausdiskutiert. Was aber erwähnt wird ist, dass die Staatspropaganda immer wieder die hochgerüstete Armee öffentlich hervorhebt und lobt. Damit wird man als Kind in Israel groß.

Ora wollte ohne Handy dort hin fliehen, „wo das Land zu Ende ist“. Als Antwort bekommt sie von Avram den Satz: „Es ist schon lange zu Ende“. Hat das Land eine Chance? Ora bezweifelt es, versteht auch den Eifer ihres Sohnes Ofer nicht, voller Überzeugung und Hass in den Krieg zu ziehen, um Menschen zu töten. Zwar spielt das Stück in Israel, doch ist es eine sehr ernste Mahnung an alle Völker dieses Erdballs, kriegerische Auseinandersetzungen zu verhindern. Sie führen nur zu unvorstellbarem Leid. Sieht man aktuell wieder die Geschehnisse beider Seiten in Israel und Palästina, so ist der Glaube an die Vernunft des Menschen erheblich gestört. Es können noch so viele Blumen blühen, die Erde bleibt wohl ein dunkler Planet.

Dieses 2020 von Dušan David Parízek am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg phantastisch inszenierte Stück überzeugt auf ganzer Linie. Schauspielerisch bringen Ute Hannig, Paul Herwig und Markus John die Charaktere hervorragend authentisch rüber. Passend ist ebenfalls das Bühnenbild, das sehr einem kargen Bunker gleicht, der mit Tageslichtprojektoren klar und deutlich optisch bespielt wird. Das brutale des Kriegs wird nicht ausgelassen. Ein richtig klasse Stück, das in die Magengrube fährt!

Datum: 15. Mai 2021 (Online-Stream aus Hamburg)

www.ruhrfestspiele.de