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      Mit der Inszenierung von "Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend" von
      Christopf Marthaler, widmet sich die Ruhrtriennale einem schweren Stoff, der
      sehr aktuell und sehenswert umgesetzt wurde. Ort es Geschehens ist das
      akustisch interessante Audimax der Ruhr Universität Bochum.

      Die Musik der nicht erwünschten Komponisten aus Prag und Wien während
      der Nazi-Herrschaft ist kaum bekannt und aufgeführt. Pavel Haas, Viktor
      Ullmann, Alexandre Tansman, Józef Koffler, Erwin Schulhoff, Szymon Laks
      und Fritz Kreisler sind dem normalen Konzertpublikum so gut wie unbekannt.
      Ihre Werke entstanden vor dem Zweiten Weltkrieg oder während ihres Aufent-
      haltes im KZ Theresienstadt. In Bochum erklingt ihre Musik ganz hervorra-
      gend in einer Besetzung, wie sie auch im KZ hätte klingen können, mit einer
      Art Kammerorchester. Dabei fungiert das Audimax als fiktiver Ort, dessen
      Rundform einem Parlament ähnelt. Alles wirkt wie eine Gedenkveranstaltung
      gegen Rassismus.

      Generationen leben in Zeitschleifen. Menschen wie Orban, Johnsen, Höcke
      und andere AfD- oder NPD-Strategen, Strache oder Salvani gab es immer
      wieder mal. Sie bevorzugen die Rhetorik am rechten Rand und sind sich
      nicht zu schade die Grenzen auszutesten, der dumpfe Mob der Nation,
      Europas oder der Welt zu sein. Selbst als Volksvertreter in Parlamenten
      schrecken sie davor nicht zurück. Das wird auch in Bochum deutlich. So ist
      und bleibt der "Neger" genetisch für sie das was er ist. Sie möchten die
      eigene Zivilisation verteidigen, Zäune und Mauern errichten. Für sie haben in
      Europa lediglich Ur-Europäer etwas zu suchen, wer auch immer das histo-
      risch sein soll. Muslime und Araber sollen draußen bleiben. Notfalls fordern
      sie Zwangsarbeit als Kranken - Altenpfleger, Abfallentsorger und Partyservice-
      mitarbeiter. Die neuen braunen Politiker haben natürlich niemanden auf der
      Straße zusammengeschlagen, sind nur rhetorische Brandstifter. Rhetorisch
      wird das sehr betont und arrogant zur Schau gestellt. Selbst ein Rückfall in
      dummes, rassistisches Kolonialdenken, ähnlich wie bei Schalke-Boss
      Clemens Tönnies, wird in fiktiven Texten eingeflochten. Ungarns Regierung
      möchte lieber keine Opposition, besser keine Journalisten und keine "Tiere",
      also Flüchtlinge. Geistige Eliten werden stumm geschaltet. Das gab es alles
      schon einmal. Beethovens "Freude schöner Götterfunken" erklingt dazu als
      Absurdistan in Europa. Rechte Rhetorik der Gegenwart trifft auf die der
      Vergangenheit.

      Interessant sind Zettel zwischen den Reihen, Fragmente von Berichten aus
      dem KZ Theresienstadt. Es sollte als scheinbares Vorzeigelager für das
      Ausland herhalten. Zwischen 1941 bis 1945 war es ein Durchgangslager für
      Kommunisten und Regimegegner unter jüdischer Selbstverwaltung. Kulturelle
      und künstlerische Betätigung war erlaubt. Hier entstanden wichtige Werke.
      Notenblätter wurden geschmuggelt. Nicht alle dargestellten Komponisten
      kamen in Theresienstadt oder Auschwitz um. Ihre Musik wurde jedoch weit-
      gehend zerstört, galt ab 1933 als entartete Musik.

      Die Inszenierung ist aufgeteilt in drei Teile, eine fiktive Debatte, ein Konzert
      und den Wandel der Politiker zu stummen Geistern der Musik. Richard
      Wagner darf als privat sehr umstrittene Persönlichkeit musikalisch nicht
      fehlen. Die fragmentierten Kompositionen aus dem KZ klingen dagegen mal
      folkloristisch fröhlich, aber auch oft melancholisch. Man möchte sich die
      äußeren Umstände nicht vorstellen. Viktor Ullmanns Werke fungieren dabei
      wie ein roter Faden. Er komponierte bis kurz vor seiner Deportation nach
      Auschwitz. Seine Werke ließ er in Theresienstadt, im Gegensatz zu Pavel
      Haas, dessen Kompositionen nahezu verschollen sind. Immer wieder gibt es
      bewusste, musikalische Brüche, z.B. ein bunter Heile-Welt-Schlager mit
      Heimatverbundenheit, eine perfekte AfD-Hymne und eine kritische Betrach-
      tung der beliebten Schlagerbranche. Die rechte Umdeutung des Begriffs
      Heimat ist im rechten Milieu ein Grundbaustein. Am Ende erklingt ganz fein
      ein Oratorium der Extraklasse von Felix Mendelsohn Bartholdy.

      Wie sieht Rassismus in der Zukunft aus? Gedanken rückwärts und vorwärts
      scheinen nicht zu einem Konsens zu finden. Wo fängt Rassismus an? Wie
      stuft man die Mutter ein, die sich als weltoffen betrachtet und für ihr Kind
      eine Schule sucht, die möglichst ausländerfrei sein soll? Da kommen
      Selbstzweifel auf. Doch warum nur betreten die rechtsgerichteten Politiker zu
      Beginn die Bühne mit Clownsnasen? Am Ende wird das klar. Man sollte
      diese Politclowns wahr und ernst nehmen. Sie wollen in erster Linie provo-
      zieren und gesellschaftlich zerstören. In Deutschland schaut ihnen die freie
      Presse zum Glück sehr genau auf die Finger und entlarvt sie als nieder-
      trächtige und dumpfe Scharlatane am Rande der Gesellschaft. Die neue
      braune Brut ist bei uns unter guter Beschattung. Dafür sollten wir sehr
      dankbar sein. Anderswo sieht das anders aus.

      Es ist eine gewohnt tolle Inszenierung von Christoph Marthaler mit spannen-
      den Texten von Stephanie Carp, klasse Musikern und Schauspielern und
      SängerInnen sowie einem außergewöhnlichen Ort. Prädikat sehr sehenswert.

      Datum: 25. August 2019, Ruhr Uni Bochum, Audimax, weitere Vorstellungen

      www.ruhrtriennale.de