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      Mit einem dreistündigen Auftritt plus Pause unterhielt der Kabarettist Hagen
      Rether seine Besucher auf Zollverein auf eine ganz feine Art. Er zählt zu den
      besten Protagonisten seines Genres und legte seine Finger in die großen und
      kleinen Wunden unserer Gesellschaft. Sein Programm "Liebe" ist ein Zucker-
      stückchen des deutschen Kabaretts.

      Der Titel bleibt gleich, nur der Inhalt wird bei Hagen Rether immer wieder den
      Zeitgeschehen angepasst. Es gibt so viel anzumerken, dass selbst die drei
      Stunden Programm nicht ausreichten. Er hätte noch viel mehr schlaue
      Gedanken von sich geben können. Was ist denn nun Freiheit in so einem
      reichen Land wie Deutschland? Uns geht es gut und doch machen wir uns
      selbst und anderen das Leben schwer. Was sind schon 10 Milliarden Euro für
      die Integration von Flüchtlingen, wenn die deutsche Einheit bis heute zwei
      Billionen gekostet hat und die Bankenrettung knapp 500 Milliarden Euro teuer
      war. Jedes Jahr haben wir 70.000 Alkoholtote. Haben wir deswegen Angst vor
      Riesling? Wer weiß schon, dass ein kleiner Hund in seinem Leben schnell mal
      35.000 Euro kostet? Wir kümmern uns nicht um unsere grundlegenden Pro-
      bleme und führen Ablenkungsdebatten gegen Randgruppen. Wie sähe es wohl
      in Dresden aus, wenn bei Pegida-Demos die US-amerikanischen Waffen-
      gesetzte gelten würden? In Österreich lässt man sogar in wichtigen Fragen das
      Volk abstimmen. Wer zu sehr den Mob fragt, der bekommt die passenden
      Antworten.

      Neuerdings müssen nur Prostituierte nachweisen, dass sie gesund sind. Die
      Freier machen sich keine Gedanken über ukrainische Sexsklavinnen. 1,2 Mio.
      Männer gehen in Deutschland täglich in den Puff. Hagen Rether wäre für eine
      Chipkarte für Freier, inklusive Gesundheitszeugnis. Der Superstecher bekommt
      dann die Platincard. Frauen werden in Deutschland noch immer stiefmütterlich
      behandelt. Das gilt auch für die Kirche, von Männern gemacht, für Männer. So
      ein paar dumme Missbrauchsfälle bleiben schön unter der Decke. Der Papst ist
      zumindest schon mal im 17. Jahrhundert angekommen. Vergewaltigungen
      werden aber häufig mit Ausländern in Verbindung gebracht, dabei geht es in
      deutschen Schlafzimmern oft übel zu. Wer geht für diese Erniedrigungen der
      Frauen auf die Straße?

      Was nützt da all die Bildung? Mit 17 macht man heute Abi und wird 100. Ab 60
      ist man dann arbeitslos und darf als eigentlich gesuchte Fachkraft mit Stöcken
      durch den Wald laufen. Auch der Turbokapitalismus fordert viele Schüler schon
      zu sehr. Studenten leiden psychisch schon an Überforderung und sind mit 30 im
      Beruf ausgebrannt. Was soll das alles? Immer ganz vorne dabei zu sein ist nicht
      immer erstrebenswert, denn die zweite Maus bekommt den Käse.

      Hagen Rether stellte fest, dass wir uns schnell langweilen. Warum soll man
      dreimal im Jahr Ferien machen? Kann man sich zu Hause nicht mehr erholen?
      Muss man per Frühbucher zum Trecking ins Himalaya, um dort einem Alten zu
      begegnen, der ganz in Ruhe Deckchen klöppelt?

      Wieso reden wir eigentlich so viele Nullsätze? Da wird die Todesstrafe für
      Selbstmordattentäter gefordert. Das Wetter gerät außer Kontrolle, ja klar. Schön
      war ebenfalls die Beschreibung des dicken Hinterns auf einem schmalen High-
      Tech-Rennrad, der in modischer Funktionskleidung einmal um den Block fährt.
      Erst das Fressen, dann die Moral, Hagen Rether formuliert es anders. Erst das
      Fressen, dann die Pfunde, dann die Atemnot und dann die Magen-OP. Die
      Moral hat in unserer Gesellschaft oft kaum noch einen Platz. Unser Wohlstand
      ist auf globalen Leichenbergen erbaut, seit 1444 die ersten Skalven im Hafen
      von Lissabon ankamen. Der Kolonialismus ist noch lange nicht überwunden.

      Hagen Rether hielt den Zuschauern so herrlich den Spiegel vor. Es ist eine
      Wonne ihm zuzuhören. Sprachlich bissig und dabei geschliffen und klug brachte
      er die Missstände auf den Punkt. Manchmal genügt dafür nur ein Satz. Auch
      wenn die drei Stunden anstrengend waren, so war es ein brillanter Abend mit
      Hagen Rether auf Zollverein.

      Datum: 13. September 2016

      www.zollverein.de