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      Im Jahre 2012 sorgten sie in Moskau für aufsehen, als sie in einer orthodoxen
      Kirche ein Punk-Gebet aufführten. Mit dieser Aktion wurden die drei jungen
      Frauen von „Pussy Riot“ weltberühmt. Das gleichnamige und gute Theaterstück
      ist im Grillo Theater in Essen zu erleben. Regie führte Magz Barrawasser.

      Ihr Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale dauerte nur 20 Sekunden und kostete
      sie zwei Jahre Freiheit. Sie riefen „Mutter Gottes, Jungfrau, verjage Putin!“. Russ-
      land steckte sie wegen Rowdytum aus religiösem Hass in ein grausames
      Arbeitslager. Ihnen ging es aber um viel mehr als Kritik an Kirche und Staat zu
      üben. Schon zuvor waren sie Teil einer Künstlerbewegung, die die patriarcha-
      lisch bestimmte Gesellschaft aufrütteln wollte. Sie küssten Polizisten und waren
      bei ihren Aktionen meist schnell wieder verschwunden, bevor die Staatsmacht
      eingreifen konnte. Nicht akzeptieren wollten sie, dass sie in der soziokulturellen
      Rollenprägung als Frau so sein sollten wie es Staat und Kirche wollten, schön
      still, dem Mann dienen und Kinder bekommen. Als Feministinnen prangerten sie
      subversiv und wütend die Verhältnisse an. Die Inszenierung stellt Fragen an das
      Publikum. Sind die Männer eventuell das empfindsamere Geschlecht? Was
      muss passieren, damit man sich aus einem warmen Café auf die regennasse
      Straße begibt, um zu protestieren? Wie heißt eigentlich das weibliche
      Geschlechtsorgan wirklich, natürlich mit männlichem Vokabular? Warum ist
      Homophobie weltweit verbreitet? Man liebt sich doch nur. Weshalb tragen
      Männer keinen PH mit A- oder B-Röhre? Warum trägt der oberste Kirchenfürst
      eine Armbanduhr für 30.000 Euro, fährt einen Luxusschlitten und predigt Armut
      (im Geiste)? Bei der katholischen Kirche existieren ähnliche Zustände, siehe
      Bischof Tebartz-van Elst, der sicher kein Einzelfall ist. Man muss bei diesem
      Stück den Schauplatz Russland religiös, gesellschaftlich und politisch global
      weiterdenken. Selbst der aktuelle US-Präsident verachtet die Frauen.

      Das Stück springt immer wieder zwischen dem Leben in Freiheit und dem im
      Arbeitslager. Während man sich in Freiheit wütend, temperamentvoll oder
      kritisch denkend gibt, ist im Lager eher kuschen angesagt. Erschütternd werden
      die Zustände dort beschrieben. Alle zwei Wochen sich waschen, verschimmel-
      tes Brot essen, gegorene Milch trinken, 16 Stunden am Tag Militärklamotten
      nähen und nachts nur viereinhalb Stunden schlafen. Zwischendurch schreibt
      man im Schlafsaal Briefe an die Familie. Hinter dem Zaun gibt es nur Wälder
      und Sümpfe. Die drei Inhaftierten Frauen schwanken zwischen Hungerstreik und
      den Aufsehern in den Hintern zu kriechen.

      Silvia Weiskopf, Jaëla Carlina Probst und Katharina Leonore Goebel verkörpern
      die drei jungen Frauen von Pussy Riot wirklich gut, auch musikalisch am Bass,
      an der E-Gitarre und am Schlagzeug. Gekonnt schlüpfen sie ebenfalls in die
      Rollen der Polizei, der Zeugen vor Gericht, der Richter oder der Aufseher im
      Lager. Hier und da muss man, trotz des ernsten Themas, doch etwas schmun-
      zeln, so humorvoll überspitzt sind manche Szenen. Der Feminismus kommt als
      weißes, aufblasbares Einhorn aus einer Traumwelt daher. Es bleibt lediglich ein
      Traum, denn auch nach der Haftentlassung hatte sich für Pussy Riot gesell-
      schaftlich nichts geändert. Putin reitet noch immer mit nacktem Oberkörper auf
      einem stolzen Ross wie ein Zar durch sein Reich, die Kirche predigt Wasser
      und trinkt Wein und Frauen haben es sehr oft noch schwer genug ihr Rollenbild
      zu stärken.

      Datum: 15. Juni 2017, Premiere

      www.schauspiel-essen.de