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      Mit „Le Propète“ von Giacomo Meyerbeerzeigt das Aalto Theater eine äußerst
      selten gespielte Oper auf Französisch, die in Essen sehr sehenswert aufgeführt
      wird. Vier Stunden und 15 Minuten wirken inklusive zwei Pausen doch ziemlich
      kurzweilig. Große Stimmen übernehmen die Hauptrollen.

      Es ist eine wahrhaftige Grand Opéra mit tollen Stimmen und einer sehr guten
      Inszenierung von Vincent Boussard. Giacomo Meyerbeer war bekannt für seine
      Blockbuster und damals ein gefeierter Opernkomponist, der die italienische Oper
      mit der mit der Eleganz der französischen Oper prunkvoll und vollendet präsen-
      tierte. Die Geschichte geht nicht auf die genaue Historie zurück. Die Handlung
      bei Münster wurde aus zwei Baptisten-Romanen zusammengeschrieben. So ist
      die Sprengung des Schlosses am Ende frei erfunden. Die komplizierte Entsteh-
      ungsgeschichte der Oper ließ Jahre bis zur Premiere 1848 in Paris auf sich
      warten. Revolutionseinflüsse sind somit unübersehbar. Meyerbeer brachte
      damals sogar erstmals elektrisches Licht auf der Bühne und ließ das Ballett auf
      Rollschuhen tanzen. In Essen ist es ein verkürztes und abstrakt dargestelltes
      Ballett, vielleicht nicht jedermanns Sache, aber trotzdem wirklich sehenswert
      mit ganz feinen grafischen Effekten als Projektionen.

      Kurz zur Handlung. Jean (John Osborn), ein einfacher Schneidergeselle, möchte
      die Leibeigene Berthe (Lynette Tapia) heiraten. Der adlige Oberthal (Karel Martin
      Ludvik) willigt nicht ein. Somit schließt sich Jean drei Wiedertäufern (Albrecht
      Kludszuweit, Pierre Doyen, Tijl Faveyts) an, um mit ihnen Rache zu schwören.
      Es ist der Kampf für eine klassenlose Gesellschaft und alttestamentarische
      Inhalte, aber eigentlich geht um die eigene Macht im Namen der Religion. Jean
      wird später zu Gottes Sohn ausgerufen und instrumentalisiert. Von ihm wird eine
      harte Hand verlangt, doch ihn plagen Zweifel an seiner Rolle. Seine Mutter Fidés
      (Marianne Coretti) ist der rote Faden. Sie möchte ihren Sohn immer wieder auf
      den rechten Pfad bringen und kämpft dafür leidenschaftlich. Am Ende ist die
      Situation so verfahren, dass nur noch die Sprengung des Schlosses möglich ist
      und die darin komplett befindlichen Hauptfiguren den Tod finden.

      Besonders spannend zu beobachten ist das Verhältnis Jean zu Fidés, eine Art
      Ödipus-Komplex. Während sie mit der Mutter Gottes vergleichbar ist, kann man
      Jean mit Jesus gleichsetzen. Sie schafft es zwar bei Jean Zweifel an seiner
      Rolle zu streuen und ihn irdisch zu bekehren, aber es ist nichts mehr zu retten.
      Die revolutionäre Szenen sprechen musikalisch und szenisch sehr gut an. Jeans
      Ansprache als Lichtgestalt an seine Kämpfer im 3. Akt ist großartig. Große und
      opulente Chorszenen mit dem Opernchor, dem Extrachor und dem Kinderchor
      des Aalto Theaters bringen mächtig Stimmvolumen auf die Bühne. Es sind sehr
      viele Beteiligte mit eingebunden. Die Oper benötigt tatsächlich den zeitlichen
      Raum von fünf Akten, um die emotionalen Beziehungen darzustellen. Die
      Charaktere müssen sich entfalten. Immer wieder findet man humorvoll darge-
      stellte Einschübe, besonders bei den drei Wiedertäufern. Die Revolutionäre
      parodieren sich selbst.

      Das stimmige Bühnenbild mit vielen Grafiken reduziert sich auf eine oft
      rotierende Drehbühne mit einer zum Stern aufgestellten grauen Wänden, die
      sehr gekonnt mit Projektionen bespielt werden und so Atmosphäre erzeugen.
      Die gesamte Breite der Bühne wird genutzt. Ein langer Tisch wie beim bibli-
      schen Abendmahl weckt Assoziationen ans Abendmahl und auch die Kostüme
      wissen zu überwiegend zu überzeugen. Der 2. Akt ist allerdings ein eher nega-
      tiver Ausreißer, eine Mischung aus neuzeitlicher Jugendzimmerromantik und
      bierseliger Kneipe, inklusive heimischem Bier. Das soll den Gesamteindruck
      aber nicht schmälern.

      Musikalisch präsentieren die Essener Philharmoniker unter der Leitung von
      Giuliano Carella wunderschöne Klänge zwischen Klageliedern und Revolutions-
      klängen. Die Musik ist ein Genuss, ein echter Blockbuster der damaligen Zeit,
      der stimmlich ganz hervorragend dargeboten wird, inklusive einem stilvoll
      inszenierten Ende, das sich lange positiv einprägen wird.

      Diese Operninszenierung wird noch dieses Jahr musikalisch als CD erscheinen.

      Datum: 13. April 2017

      aalto-musiktheater.de